Freilichtmuseum Beuren

Heute war ich meine Freundin Lisa besuchen. Lisa arbeitet im Freilichtmuseum Beuren. Da musste ich natürlich mal vorbeischauen, schon allein, weil ich dort bestimmt etwas neues historisches oder denkmlapflegerisches lernen kann!

Bauernhaus_start
Ein Wohn- und Wirtshaus aus Tamm, gezeigt im Zustand um 1750.

Erstmal war ich wirklich überrascht, wie groß das Gelände ist. Die einzelnen Häuser stehen zwischen Streuobstwiesen auf einer Fäche von 13 Hektar – das klingt wenig, ist es aber nicht! Also viel zu sehen. Da ich schon vor dem Beginn des eigentlich erst 11 Uhr startenden Moschtfest dort war – ich bin mit Lisa zur Arbeit gefahren – konnte ich ein oder zwei Häuser fast ohne Besucherandrang anschauen. Angefangen habe ich mit dem Bauernhaus und dem dazugehörigen Ausgedinghaus. Dieses winzige Haus zeigt die ländliche Bauweise von 1509 bis 1984. Hier habe ich am meisten zum Thema Denkmalpflege gelernt, denn die verschiedenen Umbauphasen waren gut ablesbar, es gab einige Filme über den Abbau am alten Standort Aichelau und den Wiederaufbau in Beuren, und alles war wunderbar beschriftet. Dieses Haus war komplett eingerichtet, da die letzte Besitzerin erst 1984 verstoben ist. Es war wahnsinnig spannend, die frühere Lebensweise fast zum Anfassen vorgestellt zu bekommen! Das Ausgedinghaus ist ein gartenhausähnliches Nebengebäude, in dem die Eltern der dann die Landwirtschaft übernehmenden Kindern ihren Ruhestand verbrachten. Ich als Großstadtkind wusste nicht, das die „Rente“ eigentlich ein vertraglich festgelegter Anteil am Ertrag war, der den „Rentnern“ einen guten Lebensabend ermöglichen sollte. Irgendwie eine schöne Vorstellung, nach einem langen, arbeitsreichen Leben in das kleine Häuschen mit Garten ziehen zu können und sich über eine Grundversorgung keine Gedanken machen zu müssen. Bei dieser Familie hat das gut geklappt, aber wenn die neuen Bauernsleute nicht so tüchtig waren oder es wetterbedingt Ernteausfälle gab…?

Das nächste Haus, das Weberhaus, zeigt gut, was passiert, wenn man nicht so tüchtig war. Dieses Haus, welches das Leben um 1835 bzw. 1853 zeigt, war in drei Parteien aufgeteilt, alle drei Weber aus Laichingen.

Weberhaus
Der Giebel des Weberhauses. Diese Haushälte war von tüchtigeren Leuten bewohnt als die andere Hälfte.

In der einen Hälfte lebte eine Weberfamilie, die wirtschaftlich erfolgreich war. Ihnen gehörte die komplette Hälfte, inklusive Keller für den Webstuhl, und nach der Einrichtung zu schließen konnte dieser Wohlstand auch erhalten werden. Die andere Hälfte wurde von einer Witwe an deren einzigen Sohn zur Hälfte verkauft, als dieser heiratete. Richtig, die ohnehin schon kleine Haushälfte wurde nochmal geteilt, und in einem Teil lebte der Sohn mit seiner kleinen Familie, im anderen Teil die Witwe mit ihren ledigen Töchtern. Über den Sohn gibt es nicht so viel zu erzählen, er webte und starb, seine Frau gründetet in ihrem Hausviertel eine neue Familie. Aber zur Witwe bzw. ihren ledigen Töchtern gibt es Geschichten! Anscheinend haben es die vier Töchter nicht nötig gehabt, tüchtig zu arbeiten, denn einige von ihnen hatte uneheliche Kinder und alle haben sich erst verheiratet und sind aus ihrem Hausviertel ausgezogen, als ihre Mutter verstarb. Das klingt hochnäsig und spitz, aber alle Bewohner der ausgestellten Häuser haben hart gearbeitet und sich ihren Lebensunterhalt redlich verdient, nur diese Töchter nicht. Es stach so heraus aus den vielen Lebensgeschichten, die in Beuren erzählt werden.

Webstuhl
Webstuhl im sogenannten „Dunken“, einem Webkeller. Es wurde hauptsächlich Flachs und Leinen verabeitet, für die das Klima in einem Keller wohl ideal war – für die Weber eher nicht so…

Gleich gegenüber steht das Tagelöhnerhaus aus Weidenstetten. Wenn ich geschrieben habe, dass das erste Bauernhaus winzig war, dann war dieses hier mikroskopisch. Ich bin mit 1,70 m nur wenig größer als die durchschnittliche Frau und ohenhin überall angestoßen, aber in diesem Haus konnte ich mich kaum umdrehen, und dann noch die anderen Besucher!

Tageloehnerhaus_1
Der Schlafbereich des Tagelöhnerhauses. Ein eigenes Schlafzimmer gab es nicht, der Alkoven schloss sich direkt an die Stube an.

Trotzdem war das Haus irgendwie gemütlich, und diese Leute müssen tüchtig geschafft haben, es war nämlich alles vorhanden, was man zum Leben in 1957 so braucht, inklusive eines Vorratskellers. Fast jedes Haus hat einen angeschlossenen Bauerngarten, der vom Tagelöhnerhaus war besonders schön:

Bauerngarten
Bauerngarten am Tagelöhnerhaus.

Danach entdeckte ich mein persönliches Highlight: Das Fotoaltelier von Otto Hofmann aus Kircheim unter Teck! Nicht so typisch für ein Dorf, aber hochinteressant! So interessant, dass ich dem Atelier einen eigenen Beitrag widmen werde.

Fotoatelier
Das Atelier wurde in seiner Hoch-Zeit von 1900-1914 gezeigt, hat aber bis 1948 bestanden.

Deshalb schnell weiter zum nächsten Haus: das Öschelbronner Bauernschloss. Die linke Hälfte wird für Versanstaltungen und Tagungen genutzt, unten gibt es eine kleine Ausstellung zum Thema alte Getreidesorten. Die rechte Hälfte ist der museale Teil.

Oeschelbronn_main
Das Öschelbronner Bauernschloss. Der museale Teil befindet sich hinter dem Moststand.

Hier gibt es eine fast komplette Einrichtung von 1927 zu sehen – das Haus wurde schon 1799 gebaut und ist gut dokumentiert. Auch hier sind die Bewohner fast noch in den Räumen zu spüren. Was ich hier besonders bemerkenswert fand war eine Tafel im Stall. Ich wusste nicht, dass es innerhalb der Landbevölkerung auch eine Art Schichtaufteilung gab. An reichsten und angesehensten waren die Viehbauern, vor allem die, die Zugtiere besaßen. Dann kam die mittlere Schicht mit den kleineren Tieren und dann die Tagelöhner – und das Gesinde stand noch unter den Tagelöhnern. Ich dachte immer, letzteres wäre umgekehrt gewesen. Die Bewohner des Bauernschlosses jedenfalls gehörten, wie man sich vom Namen her denken kann, zur Oberschicht.

Oeschelbronn_1
Die Stube. Alles war mit Papiertapeten tapeziert und schön hell.
Oeschelbronn_2
Das Schlafzimmer.
Oeschelbronn_3
Die vollständig eingerichtete Küche. Daneben gab es noch eine Vorratskammer inklusive eingewecktem Obst und Gemüse.

Tatsächlich gibt es noch viel mehr zu sehen, als ich hier beschreibe, zum Beispiel eine Schreinerei mit angrenzendem Wohnhaus, in dem alle Möbel vom Schreiner selbst gebaut wurden. Aber ich muss ja nicht alles vorher verraten, oder? Deshalb kommt jetzt noch ein Haus, und den Rest muss man sich selbst anschauen!

Rathaus_1
Büro im Rathaus. Das Rathaus wirkte wie eine Zeitkapsel, da es hier die meisten kleinen Alltagsdinge gab.

Das Rathaus mit Lehrerwohnung aus Häslach zeigt das Leben von 1963. Es wurde sogar ein Video mit einer ehemaligen Rathausmitarbeiterin gezeigt, die dort bis 1988 gearbeitet hatte – anscheinend hat sich zwischen 1963 und 1988 im Häslacher Rathaus nicht viel verändert! Das Haus wurde 200 Jahre lang als typisches Rathaus genutzt, es war Rathaus, Schule, Lehrerwohnhaus und Bank gleichzeitig. Das wird auch schön gezeigt. Im Obergeschoss in der Stube steht z.B. ein Schreibtisch, auf dem alle Bankgeschäfte des Dorfes abgewickelt wurden, komplett mit Kasse und Sparbüchern.

Rathaus_2
Die Küche der Lehrerwohnung hat mich sehr an die alte Küche meiner Großeltern erinnert.

Diese Sparkasse befand sich in der Stube der Lehrerwohnung, die fast komplett eingerichtet zu besichtigen ist. Am schönsten fand ich natürlich das Kinderzimmer mit Nähecke für die Frau Lehrerin:

Rathaus_3
Man baeachte die Zeitung mit dem Titel „Kennedy erschossen!“.

Während ich in dem beheizten Rathaus war fing es an, stark zu regnen. Es hörte ab und an wieder auf, aber es machte dann keinen rechten Spaß mehr, zumal das Moschtfest in vollem Gange war – nichts gegen Kinder, aber es war teilweise recht laut. Das Moschtfest selber war übrigens sehr schön, es gab viel wissenswertes über alte Apfelsorten, Stände mit allerlei Obsterzeugnissen, Mitmachaktionen und natürlich auch Essen.

Aepfel
Bestimmte alte Apfelsorten sind allergikerfreundlich. Leider habe ich einen Apfel probiert, der wohl nicht von so einem Baum stammte und prompt hat mir der Mund gejuckt.

Des weiteren gibt es auch eine Reihe glücklicher Tiere im Freilichtmuseum Beuren, hier soll nur ein lesendes Schaf stellvertretend für Kaninchen, Hühner, Ziegen und Kühe stehen:

lesendes_schaf
In Beuren sind die Schafe besonders gebildet. Sie lesen sogar kopfüber.

Insgesamt ein toller Tag! Das Freilichtmuseum kann ich empfehlen – nur muss ich dazu sagen, dass es besser ist, gleich mit dem Auto anzureisen. Da Lisa noch arbeiten musste habe ich die Heimreise mit einem Bus, einem Bähnle, einem Regionalexpress und einem Intercity bewältigt, was mich drei Stunden gekostet hat. Abgesehen davon: top!

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