Komm auf die Moloch – Wochenende in Berlin

Der Titel bezieht sich auf das Musical „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“. Musik gibt es hier. Ich empfinde Berlin immer als leicht überfordernd, weil es da so groß und viel und gleichzeitig ist, eben ein Moloch. Das Titelbild ist zufällige Streetart.

Dieser Eintrag ist ein bisschen spät dran. Ich war eigentlich schon vorletztes Wochenende bei meiner Schwester Sophie in Berlin, habe mir aber einen schönen Virus von dort mitgebracht und als ich wieder gesund war kam das Leben mit einem Brückentag und einer Reihe Feiertage dazwischen.

Beinahe wäre ich gar nicht in Berlin angekommen, da ich erst sehr spät von der Arbeit losgekommen bin und fast den Zug verpasst hätte. Und dann gab es auch noch Personenschaden auf der Strecke, den die Deutsche Bahn aber gut gehandhabt hat – ich durfte einfach außerplanmäßig in Fulda in einen außerplanmäßig dort haltenden Zug steigen und kam so nur 20 Minuten zu spät in Berlin an, statt über zwei Stunden später. Glück im Unglück. Sophie wohnt sehr zentral, sodass wir am nächsten Morgen recht fix loslegen konnten.

Fernsehturm
Berlin, Berlin. Leider nicht mehr mit so vielen hübschen Herbstbäumen, da der große Sturm gerade vorbei war.

Zuerst waren wir in Mitte einen Einkaufstour machen – für mich als Provinzbewohnerin aus dem Ländle ist es irgendwie ein Muss, mal schicke Läden zu besuchen. Wir waren in einem tollen Schreibwarenladen, in einer Buchhandlung namens Hundt Hammer Stein (dort habe ich auch das meiste Geld ausgegeben), bei Muji  und in der Kunstbuchhandlung Walther König. Muji war leider kein tolles Kauferlebnis, da es dort sehr überlaufen war, aber ich brauchte einen Stift. Unbedingt. Einen Second-Hand-Laden und ein oder zwei Chi-Chi-Läden (Chi-Chi: Sachen, die hübsch sind, die man aber nicht unbedingt braucht, wie z.B. Seife) haben wir auch noch besucht. Den Namen von dem Second-Hand-Laden habe ich mir gleich gar nicht notiert, ich wollte einen Rock kaufen, aber der Preis war für Second-Hand (nicht Vintage!) ziemlich frech. Gegessen haben wir bei Quy Ngyên, ein leckerer, veganer Vietnamese. Die Limo dort ist fantastisch! Natürlich lassen Sophie und ich die Kultur nicht ganz aus, wir waren in der Sophienkirche (die namentliche Übereinstimmung ist reiner Zufall).

Sophienkirche
Die Sophienkirche ist ruhig gelegen. In den Häusern rechts und links waren noch Einschusslöcher von Straßenschlachten aus dem Zweiten Weltkrieg zu finden.

Die Sophienkirche ist 1713 geweiht worden und Berlins einzige erhaltene Barockkirche. Die große Orgel ist renoviert, aber das Gebäue an sich braucht dringend neuen Putz und Farbe, was das ganze sehr charmant macht. Ich bin als Kunsthistorikerin aber immer für den Erhalt von Gebäuden, also sollte die Kirche renoviert werden, charmant hin oder her. Martin Luther King hat 1964 dort eine Rede gehalten, weswegen die Kirche ganz gut besucht wird. Ich hoffe, das so die Spenden schnell zusammen kommen.

Sophienkirche_Decke
Mein Handy hatte den Tag vor der Abreise beschlossen, dass es jetzt nicht mehr starten will, weshalb alle Fotos dieses Beitrags mit dem Tablet gemacht worden sind. Die Kirchendecke ist eigentlich weiß und geht auf einen Umbau 1891/1892 zurück; ist also leider nicht original erhalten.

Im Museum auf der Museumsinsel waren wir letztes Mal, als ich in Berlin war, weshalb wir nur kurz vorbei geschaut haben, da der Säulengang dort einer meiner Lieblingsorte ist. Im Berliner Dom war ich schon wieder nicht, da dort eine geschlossene Veranstaltung stattfand.

Museumsinsel
Ach man, das Foto ist richtig unscharf. Aber ich mag den Säulengang auf der Museumsinsel so sehr.

Samstag Abend hatte Sophie eine Einladung zur Nobelpreisfeier von ICAN. ICAN hat zwei Wochen zuvor den Friedensnobelpreis gewonnen und es gab eine Party der deutschen Abteilung von ICAN. Das war ziemlich cool! ICAN hat einen Vertrag durchgesetzt, den 53 Staaten unterschrieben haben, der, kurz gefasst, den Besitz von Atomwaffen zu einem Verstoß gegen das Völkerrecht erklärt.* Die Party selbst war ein bisschen improvisiert, aber nichtsdestotrotz toll.

Sonntag stand dann schon der Zug für die Heimreise bereit, sodass wir uns einen kleinen Kulturpunkt ausgesucht haben, den ich gern besuchen wollte: Das Computerspielemuseum Berlin. Ich kenne den Ausstellungsteil des ZKM in Karlsruhe sehr gut und wollte schauen, wie das Museum in Berlin so ist. Und das Fazit vorneweg: Würde man das Museum in Berlin mit dem in Karlsruhe zusammenlegen hätte man das perfekte Museum zum Thema Videospiele. Berlin hat viel zur Geschichte der Videospiele, einen Raum für eine Sonderausstellung, viele hands-on-Ausstellungsstücke und einen kleinen Raum, der eine Arcade-Spielhalle nachbaut, aber kaum was zum künstlerischen Aspekt der Spiele – und ganz ganz neue Spiele fehlen komplett. Da würde das ZKM perfekt anschließen, da hier der geschichtliche Teil winzig und unbefriedigend ist.

Wall
Die „Wall of Hardware“, in der Konsolen und Handhelds und… einfach alles seit Beginn der Videospiele ausgestellt waren.

Ich interessiere mich ja mehr als Sophie für Games, aber Sophie hatte auch ihren Spaß. Am besten hat ihr ELIZA von 1966 gefallen. Die ziemlich oberflächliche Simulation eines Psychotherapeuten, benannt nach Eliza Dolittle aus Pygmalion (oder My Fair Lady), konnte Sophie schnell an seine Grenzen bringen. Aber so frühe spielerische Anwendungen hat man kaum mal in einem Museum zum ausprobieren.

Eliza
Hier sehen wir Sophie, wie sie ELIZA austrickst.

Ich fand den museumspädagischen Ansatz zur Historie der Videospiele am besten. Eine Wand mit integrierten Ausstellungskästen konnte vom Besucher mittels eines Lasers angesteuert werden und hat dann auf einem Bildschirm Snippets vom Gameplay und historische Informationen zu Meilensteinen der Videospiele gegeben.

History
Die ansteuerbare Wand zu den Game-Meilensteinen.

Informationsbeschaffung zu gamemifizieren ist eine clevere Idee, um den Besucher passend zum Thema anzusprechen. Ansonsten ist der Arcade-Raum ziemlich großartig, ich habe zum ersten Mal „Space Invaders“ ausprobiert, es gab aber auch „Pac Man“ und „Donkey Kong“ und einige weitere. Der Raum war an einem Sonntag im Oktober aber recht schnell ziemlich voll, sodass ich nicht alle Spiele angespielt habe.

Polyplay
Poly Play ist der einzige Arcade-Automat, der in der DDR produziert wurde.

Ich wusste nicht mal, dass in  der DDR überhaupt Spiele hergestellt wurden! Der Poly Play-Automat war zum ausprobieren, ansonsten wurde die super raren DDR-Spielkonsolen hinter Glas gezeigt. Eine ganze Wand war dem Thema Spiele in der DDR gewidmet, was mich als geborene Ossi überrascht hat. Ich habe davon einfach nichts gewusst. Leider waren die Spiele in der DDR in der Entwicklung denen in der BRD und dem Rest der Welt etwa vier Jahre hinterher, sodass es keine großen Exportschlager waren. Von Poly Play sind aber, soweit ich das richtig erinnere, etwa 2000 Stück verkauft worden.

Der Shop im Museum ist winzig, aber gut sortiert. Nichts, was nicht auch woanders erhältlich wäre, aber es gab einen Sale… Nun ja.

Und dann war es auch schon wieder Zeit, in der recht vollen Zug nach Karlsruhe zu steigen, der mich ohne Zwischenfälle wieder Heim gefahren hat. Zum Glück hatte ich für die sechs Stunden meinen Nintendo dabei, wenigsten ein bisschen zocken nach dem Computerspielemuseum…

*Ich hoffe, ich habe das richtig verstanden und habe die Zahlen richtig. Wenn nicht, schreibt mir!

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