Oooooh, I’m still alive

… eeeeh, ooooh,  I’m still alive! *ähem*

Ich lebe noch, aber die Vorweihnachtszeit ist immer, jedes Jahr , jedes Mal auf Neue, der totale Stress. Ich habe, entgegen meiner Überzeugung, eigentlich lieber den lokalen Einzelhandel zu unterstützen, schon Ende November die meisten Geschenke bei einem Internetversandhandel mit einem großen südamerikanischen Fluss im Namen bestellt. Noch das eine oder andere selbstgemachte Geschenk und fertig. Mehr Zeit bleibt mir bei einer sechs-Tage-Woche im Einzelhandel und zwei kompletten Adventswochenenden mit der Familie auch nicht. Dazu kommt, das drei von vier Leuten in der Gallerie Anfang Dezember krank waren, einschließlich mir, und ich jetzt einen Auftragsstau von Ende November habe. Argh. Genug gejammert. Wirklich Zeit zum bloggen bleibt nicht, ABER: Ich habe ein ganz tolles selbstgemachtes Geschenk, von dem ich noch ein zweites anfertigen werde, wenn das erste verschenkt ist, und ich plane, dazu eine Anleitung/ein Work in Progress zu schreiben! Bis dahin viel Spaß mit einem Foto von einem der Familienwochenenden:

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Die Geißhölle in Sasbachwalden im Schwarzwald an einem wunderbaren Schneetag.

Was stand da eigentlich mal?

Die beiden Clubs in Karlsruhe, die noch Gothic-Veranstaltungen und vergleichbares anbieten, sind beide Kellerclubs. Beide mit Zugang über ein leeres Grundstück und beide mit mehr (Nachtwerk) oder weniger (Culteum) schönen Gewölben. Irgendwann hat meine innere Kunsthistorikerin sich gefragt, was da wohl vorher mal stand, wo jetzt nur noch die Kellergewölbe stehen. Vor allem im Fall des Nachtwerks, das ein wirklich großes Gewölbe mit Kreuzrippen hat. Die Lage des Nachtwerks Richtung Rhein und an der Alb verleitete mich, hier einen Bauernhof oder sogar ein Lokal zu vermuten, denn solche Keller wurden maximal bis Anfang des 20. Jahrhunderts gebaut, vor allem in der Umgebung des noch sehr jungen Karlsruhe. Älter als 1700 kann das Gewölbe kaum sein, da im Karlsruher Raum wenig vor diesem Datum gebaut wurde.

Und damit war ich schon mittendrin in der Recherche. Ein hübscher Magen-Darm-Infekt beschert mir heute einen letzten Ausruh-Tag, an dem ich endlich wieder zum Denken fähig bin, und da dachte ich, schau’n mer mal, was die Archive auf den ersten Blick so zu bieten haben.

Erster Anlaufpunkt für solche Unterfangen: Wikipedia. Als Start für eine Recherche immer gut, nicht immer komplett richtig (vor allem das Stadtwiki), aber manchmal sind in den Einzelnachweisen Archivalien verlinkt.

Also: Culteum Essenweinstraße Nachtwerk Pfannkuchstraße Pfannkuch und nochmal Pfannkuch (Stadtwiki)

Was haben wir gelernt? Den Eintrag zum Culteum muss man nicht ernst nehmen. Bei der Essenweinstraße kristallisiert sich heraus, dass diese um 1903 bis 1909 angelegt oder neu bebaut wurde, da es vier Kulturdenkmale aus dieser Zeit gibt. Zum Nachtwerk wird es interessanter:

Er besteht aus einem großen Gewölbekeller, der zuvor der Firma Pfannkuch Handelsgesellschaft mbH als Weinkeller diente.

Okay, und woher kam dieser Weinkeller?

Die Pfannkuchstraße wurde erst 1976 in Pfannkuchstraße umbenannt, vorher hieß sie Oberfeldstraße. Merke: in den Archiven nach Oberfeldstraße suchen! Die Zentralbäckerei von Pfannkuch befand sich gegenüber dem Grundstück, auf dem heute das Nachtwerk steht, also ist naheliegend, das Pfannkuch das Nachtwerk als Weinlager genutzt hat. Pfannkuch war eine Supermarktkette, die 1896 gegründet wurde, vor dem zweiten Weltkrieg ihr Zentrallager in der Oberfeldstraße baute und 1998 an SPAR verkauft wurde. Mehr dazu in den Wikipedia-Artikeln. Der Stadtwiki-Artikel hatte noch einen interessanten Link in den Einzelnachweisen: klick

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Der Link führte zur BLB, zu einem Adressbuch von 1960. Die Weingroßkellerei befindet sich in der Oberfeldstraße 14, also im Nachtwerk.

Noch etwas fiel mir auf: Der Teil der Pfannkuchstraße, auf dem das Nachtwerk liegt, gehört zu Grünwinkel. Und wie man in dem Link lesen kann wurde Grünwinkel 1784 ein selbstständiger Ort. Also ist meine These vom Gasthof bei Grünwinkel noch nicht ganz ausgeschlossen….

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Die Pfannkuchstraße befindet sich im nordwestlich vom Hauptteil Grünwinkels.

Bei weiteren Kartenbetrachtungen: Mühlburg liegt gerade auf der anderen Seite der Alb. Und Mühlburg ist sogar noch älter als Grünwinkel, vorher schon erwähnt, aber 1565 als Sommerresidenz des Markgrafen ausgebaut. Wieder ein Punkt für einen erheblich älteren Gewölbekeller als bisher nachweisbar. Möglich ist es…. (Der liebe Leser sieht, wie ich mich hier in eine These versteige.)

Jetzt heißt es wirklich ins Archiv einsteigen. Das Generallandesarchiv liefert nur einen einzigen Eintrag: Fliegerschaden in: Karlsruhe, Industriegleis Oberfeldstraße 03.09.1942. (hier). Also weiter zum Stadtarchiv. Der Suchbegriff „Oberfeldstraße“ liefert 59 Suchergebnisse. 14 in den Stadtakten, 2 in den Amtsbüchern und 42 in den Archivalischen Sammlungen. Die ersten 14 betreffen nicht die Oberfeldstraße 14 und 15, weisen aber auf eine rege Geschäftstätigkeit in der Oberfeldstraße nach dem Krieg hin. Die beiden Amtsbücher befassen sich mit Bürgerausschussvorlagen.

findbuch
So sieht das dann aus, wenn man die Treffer anklickt.

Und da ein Treffer:

S. 213 – 214: Tausch von Grundstücken an der Oberfeldstraße gegen ein Grundstück im Oberfeld mit der Firma Pfannkuch GmbH (Antrag vom 11.12.1929) (03 Stadt Karlsruhe Amtsbücher, Bestand: 3/B Amtsbücher)

Also wurden 1929 irgendwelche Grundstücke für Pfannkuch getauscht! Die größte Überraschung: Ganz unten am Findbuch ist ein kleines pdf-Symbol. Und wenn man da drauf klickt, kann man sich das Amtsbuch anschauen! Ganz bequem von zu Hause aus mit einer Tasse Tee in der Hand! Leider ist der Eintrag nur marginal hilfreich, immerhin weiß ich jetzt, das Pfannkuch seit den 1920ern auf dem Grundstück tätig war. Der Keller müsste da schon gestanden haben – oder aber Pfannkuch hat ihn erst erbauen lassen.

Tausch
Quelle: siehe oben. Dem Antrag wurde stattgegeben.

In den 43 Archivalischen Sammlungsstücken habe ich nur das gefunden:

Dieser fragwürdige Hausfrauennachmittag unterm Hakenkreuz:

Hausfrauennachmittag
Postkarte von 1936. 08 Archivische Sammlungen, 08.10 Plan- und Bildersammlung, Bestand: 8/PBS XIVf – Plan- und Bildersammlung – Firmenansichten

Diverse Ansichten der Firma Pfannkuch aus den 1970ern, hier mal nur zwei:

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Einweihung des neuen Lagergebäudes und erweiterten Fleischwerks der Lebensmittelgroßhandlung Pfannkuch in der Oberfeldstraße 14, 1970. Negativ: A 19 22_5_10
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„Tag der offenen Tür“ mit Volksfest bei der Pfannkuch-Zentrale in der Oberfeldstraße, April 1975. Negativ: A 29 102_2_29

Und das wars mit der Pfannkuchstraße, dem Nachtwerk und der Oberfeldstraße. Keine Hinweise auf ein älteres Gebäude oder ob überhaupt jemand vor der Firma Pfannkuch auf dem Gelände gebaut hat. Nach derzeitigem Stand ist der Keller frühestens in den 1920ern gebaut wurden, und das auch extra für Pfannkuch. (Schade, kein alter Gasthof…)

Und das Culteum in der Essenweinstraße? Der Hinweis, das es in der Essenweinstraße Kulturdenkmale stehen, grenzt die Erbauungszeit eines möglichen Gebäudes auf ab 1896-1900 ein. Die Essenweinstraße hieß schon immer Essenweinstraße. Das Generallandesarchiv weiß nichts, das Stadtarchiv liefert 90 Ergebnisse. 42 von sind Akten, 3 Amtsbücher, 45 Stücke aus den Archivischen Sammlungen. Das Culteum liegt in der Essenweinstraße 9, aber zusammen mit der Hausnummer schränkt das die Suche im Findbuch nur auf Dinge ein, in denen die 9 vorkommt (z.B. 1939). Diesmal fange ich unten an mit der Suche, bei den 45 Archivalien. Leider kein Treffer. Einige Fotos der Bewohner der Essenweinstraße 44, aber nicht mal ein Hinweis auf die Essenweinstraße 9. Weiter zu den Amtsbüchern.

Aha, ein Treffer:

S. 250 – 257: Ausbau von Teilen der Veilchen- und Essenweinstraße zu Ortsstraßen, mit Verträgen, Tabellen und Plan (s. S. 815) (Antrag vom 04.09.1902) (03 Stadt Karlsruhe Amtsbücher, Bestand: 3/B Amtsbücher – Amtsbücher)

1902? Ein Plan? Gibt es diesen Plan in der pdf, die wie bei der Oberfeldstraße angehängt ist?

Das ist fast ein Treffer:

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Plan zum Ausbau der Essenweinstraße und Veilchenstraße von 1902, I.-Num.: 0031, Dat.-Findbuch: 4. Jan. 1902 – 15. Dez. 1904. Zu diesem Plan gibt es beim Antrag eine Liste der Besitzer der jeweiligen Flurstücke.

Leider, leider befindet sich das Grundstück Essenweinstraße 9 vor, also westlich, der Sternbergstraße.

Das nächste Amtsbuch enthält einige interessante Baupläne, z.B. füreine Mädchenschule in der Sophienstraße und eine Blaupause für ein Auto (?), aber leider geht auch hier der Ausbau der Essenweinstraße gen Osten weiter:

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Plan zum Ausbau der Essenweinstraße und Veilchenstraße von 1908, I.-Num.: 0033, Dat.-Findbuch: 8. Febr. 1907 – 17. Dez. 1908.

Im dritten Amtsbuch, jetzt von 1910, nach einem Eintrag über die finanzielle Beteiligung der Anwohner am Straßenbau, wieder das:

S. 589 – 592a: Ausbau eines Teils der Essenweinstraße zur Ortsstraße, mit Verträgen und Lageplan (Antrag vom 30.07.1910) (I.-Num.: 0034, Dat.-Findbuch: 15. Dez. 1908 – 23. Mai 1910)

Wer lange sucht wird fündig! Diesmal ist es das Straßenstück zwischen Georg-Friedrich-und Sternbergstraße! (Juhu!) Ich habe die Karte der Einfachheit halber eingenordet, sie ist mit Nord bezeichnet, aber gedreht ins Amtbuch eingebunden:

Essenwein_1910_nord
S. 589 – 592a: Ausbau eines Teils der Essenweinstraße zur Ortsstraße, mit Verträgen und Lageplan (Antrag vom 30.07.1910) (I.-Num: 0034, Dat.-Findbuch: 15. Dez. 1908 – 23. Mai 1910)

Uuuuund, Trommelwirbel: Da ist etwas ungefähr auf dem Gelände des Culteums verzeichnet! Grundstück 6272, Himmelsbach, Anton, Fabrikant!

H-Fuchs-und-Soehne
Quelle: siehe oben, Anton Himmelsbach steht unter 2.c.

Damit habe ich zwei Rätsel gelöst: erstens: Dieser Teil der Essenweinstaße wurde erst 1910 angelegt, der restliche Teil weiter östlich eher. Das Culteum war möglicherweise einfach ein Fabrikkeller. Dazu kommt, das das Culteum eigentlich nur im vorderen Bereich alte Steine hat, der Rest ist unter viel Beton beinah unkenntlich. Der vordere Teil stammt also von vor 1910!

Zuletzt die Akten. Alle 42 Ergebnisse sind Anträge auf Wiederzulassung eines Gewerbebetriebs nach 1945. Viele Kraftfahrzeugwerkstätten, ein Bäcker, ein oder zwei Schlosser, ein Maler, ein Feilenhauer, ein oder drei Schneidereien, ein oder zwei Metzger, ein Uhrmacher, ein Küfer, eine Nähmaschinen-Reparaturwerkstatt, eine Wäscherei, kurzum: das ganze Spektrum der handwerklichen Betriebe des oberen Mittelstandes. In der Essenweinstraße 9 wurde 1946 eine Holzsägerei angemeldet, von einem Hans Herbolsheimer. Ab hier könnte man die Personenstandsregister in Kirchen oder dem Generallandesarchiv befragen. Meine Frage ist jedoch geklärt!

P.S. Ja, normalerweise sollte man sich ändernde Hausnummern miteinbeziehen, das ist hier in Karlsruhe aufgrund des fehlenden Alters aber zu vernachlässigen.

P.P.S. Ich habe mal ein bisschen mit Photoshop herumgespielt und das Culteum befindet sich unter dem rechteckigem Gebäude, auf welches das Wort „Himmelsbach“ zeigt. Also, sehr entzaubert, das ganze.