Reisen und Reisetagebücher

Reisetagbücher 1999-2019.

Letzten Montag bin ich von einer Reise zurückgekehrt und habe am folgenden Tag mein Reisetagebuch von eben dieser Reise „fertig gemacht“, sprich, Fotos eingeklebt, letzte Details notiert und Landkarten eingefügt. Ich war in Großbritannien, genau genommen in England in Somerset, bei meiner Schwester Sophie unterwegs. Sophie hat mich gefragt, was ich dann mit den Reisetagebüchern mache, als sie mich das aktuelle Reisetagebuch hat schreiben sehen. Sophie und ich waren schon öfter zusammen auf Reisen, meistens waren die Reisen Geschenke von unseren Eltern. Ich habe auf jeder dieser Reisen ein Tagebuch geführt, muss aber zugeben, das diese bis zum Umzug in einem Fach im Schrank standen und sehr selten herausgeholt wurden. In der neuen Wohnung sind meine Tagebücher sogar im Keller gelagert. Als ich Sophie das gesagt habe, hat sie mich gefragt, was das Tagebuchschreiben dann überhaupt soll. Gute Frage. Also habe ich alle meine Reisetagbücher aus dem Keller geholt und durchgesehen. Das ich sehr oft in Großbritanien war wusste, ich aber nicht wie oft genau: neun (9) Mal! Gut, das liegt auch daran, das Sophie schon seit einer Weile mehr in Großbritannien lebt als in Deutschland und letztes Jahr endgültig dahin ausgewandert ist, aber ich habe da wohl schon eine Affinität. Es hilft wohl auch, dass ich die Landessprache spreche.

Die Tagebücher selbst habe ich in der Regel vor Ort gekauft, in seltenen Fällen habe ich ein Notizbuch mitgebracht. Zwei der Bücher habe ich selbst gemacht.

Das erste Reisetagebuch allerdings ist exakt 20 Jahre alt und dokumentiert eine Reise innerhalb Deutschlands. 1999 war Campingurlaub in Koserow auf Usedom mit der ganzen Familie angesagt. Es ist das einzige frühe Tagebuch, obwohl wir mehrfach in Koserow waren. Am lustigsten ist nicht etwa meine ungelenke Schrift oder meine faktischen Beschreibungen der Ereignisse, zum Beispiel der Eintrag vom 14.08.1999: „Heute wahren wir baden. Ohne Strandmuschel (!), denn das Gestänge war weg.“ (Rechtschreibung und Zeichensetzung beibehalten). Sondern, das gewisse, in die familiäre Einnerung eingegangene Ereignisse alle im selben Urlaub passiert sind! Meine Familie erzählt immer wieder gern die Geschichte, wie wir 22km am Strand langewandert sind (ich bin 12, meine Schwester ist 9!). An einem Nachmittag. Oder die Geschichte, wie ich in Stralsund auf eine Bierdose gefallen bin und mir das Knie aufgeschnitten habe. Oder der tolle Mittelaltermarkt in Koserow. Alles derselbe Urlaub!

„Mein Ferienbuch“ von 1999. Mit beigelegten Postkarten und Zeitungsausschnitten.

Danach erstmal wieder eine große Lücke. Ich weiß, das wir mehrfach an Ost- und Nordsee im Urlaub waren, aber ich habe kein Reisetagebuch geführt. Das nächste Reisetagebuch beschreibt dann schon meine erste größere Auslandsreise: nach London, die Abschlussfahrt meiner Abiturklasse (in der 11. Klasse und nicht in der 12., warum auch immer).

Reisetagebuch London 2005.

Diese Busreise führte mich und 30 andere Kinder durch den Eurotunnel über Windsor und Canterbury nach London. Es gab einen Tagesausflug nach Stratford-on-Avon, insgesamt war es eine ziemliche Bildungsreise. Hier schon schwärme ich von den gotischen Gewölben der Canterbury Cathedral, den Bildband, den ich mir davon kaufen wollte, habe ich aber nie gekauft. Mir sind von dieser Reise besonders der Besuch einer Aufführung von Shakespeares „The Winters Tale“ im Globe und die Parade Trooping the Color in Erinnerung geblieben, bei der ich die Queen sehen konnte. Das Tagebuch bricht auf der Rückfahrt im Bus mit dem Satz „Herr Müller hat Fieber.“ ab. Da haben die Schüler wohl ihren Lehrer buchstäblich krank gemacht…

Zum Abitur habe ich von meinen Eltern eine Reise geschenkt bekommen. Mein größter Wunsch war Venedig, und meine Eltern haben sich ordentlich ins Zeug gelegt. Lufthansa-Flug, gutes Hotel, Buskarten und Taschengeld inklusive. Ich hatte da meinen Ausbildungsvertrag als Buchbinderin schon unterschrieben, verdiente aber natürlich noch kein eigenes Geld.

Sophie und Stephanie in Venedig, 2006.

Begleitet hat mich Sophie, ich bin 19 und Sophie 16 Jahre alt. Keiner spricht auch nur ein Wort italienisch. Wir sind trotzdem zurecht gekommen. Ich bin mit Sophie in jede Kirche gegangen, die nicht schnell genug geschlossen hat, und statt in Murano, wo jeder Tourist hin muss, sind wir nach Burano gefahren. Es war eine tolle Reise, mit sehr viel Kultur. Bisher bin ich kein zweites Mal nach Venedig gefahren und weiß auch nicht, ob ich sollte, denn Venedig muss sich sehr verändert haben. In diesem Reistagebuch ist „mein“ Venedig festgehalten. So werde ich es kein zweites Mal erleben.

Die nächste Reise führte mich und Sophie 2008 nach London. Das war ihr Abiturgeschenk von unseren Eltern. Dieses Reisetagebuch umfasst leider nur Text, einen 5-Pfund-Schein und Fahrkarten. Ich erinnere mich vor allem an den Shoppingtrip in Covent Garden – die kleine Reisetasche, die ich dort gekauft habe, benutze ich noch heute – und die chaotische Rückfahrt. Wer konnte auch ahnen, dass die Tube nachts den Betrieb einstellt… Unser Flieger ging in den frühen Morgenstunden. Übrigens ist in allen Großbritannien-Urlauben bis auf den letzten in 2019 auffällig, das ich quasi nie von Regen berichte. Englisches Wetter gab es für mich kaum.

Was Sophie und ich 2008 in London gemacht haben.

Es folgen zwei Jahre in anderen Ländern. 2010 fahre ich von Leipzig aus mit meinem damaligen Freund nach Prag. Das war eigentlich ein toller Urlaub, wir haben uns viel Kultur angesehen, aber ich war während des gesamten Urlaubs krank, weswegen ich Prag gar nicht in so guter Erinnerung habe. Lustig war, das mein Freund tschechischen Absinth probiert hat und ein ziemlichen Pokerface aufsetzen musste, denn das Zeug war ordentlich! Wir hatten da aber schon Erfahrung mit Absinth, deshalb war es umso lustiger. Der letzte Tag auf dem Vyšehrad ist mir in bester Erinnerung geblieben. Das war genau die richtige Kombi aus Geschichte, Natur und Kultur für mich. Falls man in Prag ist sollte man den Ausflug dort hin einplanen.

Merch aus dem Mucha-Museum, in dem wir gar nicht waren. Prag 2010.
Das ist eine recht typische Ansicht eines meiner Reisetagebücher: handgeschriebene Seite neben Eintrittskarte. Prag 2010.

Seit 2009 studiere ich übrigens, und passender weise, Kunstgeschichte. Wenn ich mir meine Reisetagebücher anschaue, dann sehe ich schon 1999 einen Ausflug in ein Kunstmuseum, in Canterbury die Entdeckung der Gotik und danach die häufigen Erwähnungen von Kunst und Kultur. Paris 2011 war wiederum ein Geschenk unserer Eltern, allerdings weiß ich den Anlass nicht mehr. Sophie und ich fuhren also nach Paris, mit dem Zug, denn ich lebe nahe der französischen Grenze. Wir schauen uns den Louvre an (und machen irgendwann „Bilder pro Minute“, weil man einfach nicht alles an einem Tag sehen kann und wir uns im Vofeld schon Abteilungen ausgesucht hatten und trotzden nicht alles geschafft haben), das Museé de Orsay, Notre Dame, Sacre Coeur… Paris mochte ich allerdings nicht so recht. Es ist so voll mit Menschen und Autos, und von „magischem“ Licht keine Spur, alles voll Müll und Abgase… Montmartre war schön, aber eben auch ein Touristenhotspot.

Paris 2011, passend mit Stickern aus dem Louvre.

2011 ist eins der beiden Jahren, in denen ich zweimal weg war. Die zweite Reise im Herbst ging mit der Uni nach Madrid. 20 junge Frauen auf Bildungsreise, und nur eine Dozentin spricht Spanisch. Es war lustig, aber auch extrem intensiv. Jeder musste – mehr oder weniger gute – Referate vor Ort halten. Ich erinnere mich dunkel, vorgeworfen bekommen zu haben, das ich eins meiner Referate hätte besser vorbereiten sollen, denn das Bild hing zu dem Zeitpunkt leider in einer extrem teuren Sonderausstellung. Ich fand das damas schon unfair, woher hätte ich das denn bitte wissen sollen? Außerdem war die Organisation und Ticketbuchung Sache der Uni. Mein anderes Referat war dafür sehr gut (das erwähne ich sogar im Tagebuch) und den Schein habe ich bekommen. Den Palacio Real hätte ich mir gern gespart, das ist einer der hässlichsten Paläste, die mir je untergekommen sind. Und da leben Monarchen drin! Aber den Tagesausflug zum Escorial möchte ich nicht missen, das war hochgradig spannend.

Das Reisetagebuch besteht zu großen Teilen aus Kunstpostkarten. Madrid 2011.

2013 kam dann wieder eine große Reise mit der Familie. Eine ziemlich aufregende Reise mit Bahn, Flugzeug, Schiff und Bus nach – Irland und Wales. Ja, wieder Großbritannien, da Sophie in Bangor in Wales im Auslandssemester war. Wir haben uns zu einem Familienwochenende in Dublin getroffen. Dublin ist von allen Städten, die ich gesehen habe, wohl die speziellste. Wales – am anderen Ende der Fähre – hat mich aus den Socken gehauen. Es ist so schön dort! Wir wollten eigentlich nach Snowdonia, aber im April lag noch Schnee dort, weswegen wir dann nur am Rand in Llanberis waren. Einer der schönsten Ausflüge überhaupt. Auch Beaumaris und Caernarfon Castle sind sehenswert. Ich möchte immer einmal nach Wales zurück, aber bisher ist es nicht dazu gekommen.

Der einzige Urlaub, der zwei Notizbücher gefüllt hat. Dublin & Bangor 2013.
Die Reisetagebücher sind gefüllt mit vielen Informationen. Dublin & Bangor 2013.

Ab jetzt ist das Reiseziel immer Großbritannien. Ich hatte London die letzten Jahre vermisst und wollte auch gern in die große Harry-Potter-Ausstellung der Warner Bros, also bin ich 2015 mit meinem damaligen Freund nach London gefahren. An dem Urlaub war nicht alles perfekt, aber er war etwas ganz besonderes. Selten war ein Urlaub so angefüllt mit Sachen, die mich wirklich interessieren. Außerdem hatte ich das Hotel zufällig in einer extrem tollen Lage ausgewählt, Earls Court ist wirklich zu empfehlen! Diese Reise habe ich mir übrigens nach der Abgabe meiner Masterarbeit gegönnt, und es war auch die erste Reise, die ich selbst geplant hatte. Harry Potter war so wichtig für mich, das ich nicht weiß, ob ich nochmal hinfahren würde. Es ist beim zweiten Mal einfach anders, wenn man schon einmal irgendwo glücklich war. Das gleiche Gefühl versuche ich oben bei Venedig zu beschreiben.

London 2015, mit Eintrittskarten für Harry Potter.

Es folgt ein zweites Jahr, in dem ich zweimal verreise. Das Jahr direkt nach dem Ende des Studiums, bevor es mit dem Job los geht, fahre ich noch mal zu Sophie, die jetzt in Bristol studiert. Bristol ist eine von den Städten, die ich wirklich mochte, aber der besondere Tag dieser Reise war der Tag am Ärmelkanal in Lyme Regis. Da hat, trotz verrückter Busfahrt dort hin, einfach alles gestimmt. Auch nach Lyme Regis traue ich mich nicht ein zweites Mal, obwohl ich unbedingt noch einmal richtig wie Mary Anning Fossilien sammeln will. In diesem Urlaub habe ich übrigens das erste Mal Bath besucht, hauptsächlich wegen Jane Austen und dem Fashion Museum. Doch im Gedächtnis geblieben sind mir besonders die Roman Baths, die ein uralter Ort sind und trotz touristischem Überlauf absolut sehenswert sind.

Bristol 2016, eins meiner schönsten Reistagebücher.

Übrigens sind Sophie und ich auch nach Cardiff gefahren, um Dr. Who zu besuchen, der zwar eine kleinere Ausstellung als Harry Potter hat, aber dafür eine schönere Stadt drumherum.

Sophie macht im selben Jahr ein Praktikum in Cambridge. Da ich in Oxford schon mal kurz war (London 2005), kann ich mir diese College-Stadt nicht entgehen lassen und fliege für ein Wochenende auf die Insel. Cambridge bringt mir einen umfangreichen Einblick in englische Literatur, nicht nur mit dem Besuch der Colleges, sondern auch mit einem Ausflug in die Wren Library und in den Orchard Tea Garden.

Bei diesem Reisetagebuch ist ein Stift mit der Aufschrift „Cambridge University“ dabei, den ich immer noch gern hervor hole, um gebildet zu wirken. Cambridge 2016.

In 2017 bekomme ich keine zwei Wochen Urlaub am Stück. Aus diesem Jahr gibt es einen umfangreichen Bericht aus der Karlsruher Kunsthalle, in der ich sehr ausführlich war. 2017 war allerdings insgesamt eher ein Jahr zum vergessen, weshalb eine fehlende Reise da nicht ins Gewicht fällt.

Karlsruher Kunsthalle 2017.

Letztes Jahr, 2018, ist Sophie dann endgültig nach England gezogen. Unsere Eltern haben uns zu unseren Uni-Abschlüssen eine große Reise schenken wollen, die wir dann auf Sophies Hausboot auch endlich durchführen konnten. Ich hatte meinen Abschluss da schon drei Jahre in der Tasche. Sophie und ich wollten schon länger eine Hausboot-Rundreise in England machen, dass Sophie dann schon ein Hausboot gemietet hatte war eher ungeplant. Das war eine der besten Reisen überhaupt, sehr viel Landschaft, wenig Stadt – aus den trubeligen Städten bin ich wohl langsam herausgewachsen – und Hausboot fahren ist gar nicht so einfach. Ich habe mir aus England einen Sonnenbrand und einen wunderschönen Bluterguss mitgebracht, war aber so begeistert wie selten nach einer Reise. Baden im Fluss, Tiere sehen, Kultur anschauen, gutes Essen und gutes Wetter, es war alles dabei.

Kennet und Avon Canal 2018. Dies ist eins der umfangreichsten Reisetagebücher, ich habe alles festgehalten.

Sophie und ich waren auch wieder in Bath, diesmal, um wirklich das Jane Austen-Museum anzuschauen und im Green Bird Café die feinen Open Sandwichs zu essen. Wir habe mittlerweile Bath-Traditionen, auf die ich auch jetzt, 2019, bestanden habe. Mittlerweile hat Sophie ein Hausboot gekauft, und da habe ich sie letzte Woche besucht. Diesmal bin ich mit dem Zug gefahren, was die bessere Wahl war, und so konnte ich auch etwas Zeit in London einplanen, das ich langsam vermisse. Dieses Jahr hatte ich zum ersten Mal englisches Wetter, es hat immer wieder geregnet, was Sophie und mich nicht von Wandertouren oder Ausflügen mit dem Fahrrad abhielt.

Nach 20 Jahren wieder ein selbstgemachtes Reisetagebuch. Aber mittlerweile bin ich Buchbinderin. Bath 2019.

Ist Reistetagebuch schreiben eigentlich noch zeitgemäß? Hatten Reiseberichte nicht im 18. Jahrhundert ihren Siegeszug in der Literatur angetreten? Ich glaube nicht, dass meine Berichte literarischen Wert haben, aber der persönliche Wert ist enorm. Ich musste an einigen Stellen lachen, anderen war ich enttäuscht beim lesen, aber alles in allem haben mir die Bücher vor allem geholfen, die Reisen gut zu erinnern. Es gibt ein oder zwei Reisen, wie die 2006 zu meiner Brieffreundin Kirandeesh nach, well, England, über die ich kein Tagebuch geführt habe, und das ist wirklich schade.

Was mich im Nachhinein sehr stört sind die vielen Flugreisen. Von den vierzehn hier erwähnten Reisen sind nur fünf nicht mit dem Flugzeug unternommen worden, und bei den meisten davon wäre es auch anders gegangen. Gerade England ist mit dem Bus oder der Bahn gut zu erreichen, warum nicht öfter so? Ich will mir meinem CO2-Abdruck gar nicht vorstellen. Aber das ist etwas, das ich nicht mehr rückgängig machen kann, nur in Zukunft besser.

Zum Abschluss noch etwas Statistik:

  • unternommene und dokumentierte Reisen: 14 in 20 Jahren
  • unternommene, aber nicht dokumentierte Reisen: 8 (diese alle bis auf eine nach Polen innerhalb Deutschlands)
  • das sind 1,1 Reisen pro Jahr
  • von den dokumentierten Reisen waren… :
  • Flugreisen: 9
  • Reisen mit dem Bus: 1
  • Reise mit dem Auto: 1
  • Reisen mit dem Zug: 3
  • Besuchte Länder (außer Deutschland): Italien, Großbritannien, Tschechien, Frankreich, Spanien – und Polen, wozu es kein Tagebuch gibt

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