Ledergebundenes Notizbuch mit Namen II

Heute folgt Teil II, diesmal mit viel mehr Bildern. Hauptsächlich geht es um das Beziehen der Decke mit Leder.

Ich hatte die Decke ja schon fertig und anprobiert. Jetzt kommen die Buchstaben für den Namenszug:

Schritt 1: Gewünschte Schriftart aussuchen und in Schriftgröße 96 ausdrucken. Diese Buchstaben dann mit dem Skalpell ausschneiden.

Steph_Papier
Eine Schneidmatte hier optional, aber wirklich praktisch. Ein Brett oder etwas vergleichbares sollte unbedingt untergelegt werden.

Schritt 2: Das Blatt wie eine Schablone verwenden und die Buchstaben auf die gleiche Pappe wie ich sie für den Buchrücken verwendet habe aufzeichnen. Ich habe noch ein wenig nachgebessert, da z.B. das S nicht zu schmal sein darf, sonst reißt es ein.

Steph_Pappe
Aus der Pappe ausschnitzen ist kein Spaß und kann einen ganzen Abend dauern. Fussel und Grate können mit dem Skalpell gut abgestreift werden. Zum Glück guckt sich durch das Leder viel weg….

Schritt 3: Buchstaben auf die Buchdecke kleben. Hier habe ich einfach eine Linealbreite von den Kanten angezeichnet und die alte Schablone aus Papier nochmal nachgezeichnet. So bekomme ich die der Schriftart entsprechenden Abstände zwischen den Buchstaben am leichtesten reproduziert. Angeklebt habe ich die Buchstaben mit einfachem Bastelkleber für Kinder, der klebt nach dem Andrücken ganz gut, ist lange korrigierbar und bildet keine Leimklumpen oder ähnliches, was sich durch das Leder anzeichnen könnte. Buchbinderleim, dünn aufgetragen, geht aber genauso gut.

Steph_aufkleben
Anzeichnen, aufkleben, andrücken.

Hier habe ich tatsächlich eine Nacht Pause eingelegt, da die Buchstaben gut antrocknen sollen und der nächste Teil am besten am Stück gemacht wird.

Buchdecke mit Leder beziehen

Zunächst brauche ich einen passenden Ledernutzen: Dazu habe ich einfach meine Buchdecke so auf dem Leder positioniert, das der Rücken vom Tier, gut sichtbar an dem hellen Streifen, ungefähr auf dem Buchrücken liegt. (Der Rücken ist bei meinem Stück ziemlich krumm, beim Weihnachtsgeschenk hat es perfekt gepasst.) Einen Fehler (oder eine Narbe?) im Leder verwende ich mit, schiebe das aber an den Rand. Eine Linealbreite (ca. 1,2 cm) ringsum als Umschlag habe ich hier schon dazu gezeichnet. Leder kann man einfach mit der Schere schneiden.

Leder
Ab jetzt werden die Bilder leicht unscharf. Gleichzeitig handwerken und Fotos machen geht irgendwie schlecht… man sieht hier Rücken und Fehler ganz gut, drum herum die Kulistriche für den Ledernutzen.

Bei Leder wird niemals das Leder angeschmiert, sondern immer die Buchdecke. Das kommt hier besonders praktisch, da ich ja die Buchstaben herausarbeiten will. Deshalb schmiere ich auch zuerst nur den Buchdeckel mit den Buchstaben ab, das gibt mir Zeit, die Buchstaben zu bearbeiten.

anschmieren
Richtig viel Leim, eigentlich nicht wirklich nötig, aber da ich zwischendurch immer wieder Fotos gemacht habe besser so. Leder wird nicht auf eine einfach angestrichene Fläche gelegt, sondern ich vertupfe den Leim, damit sich keine Leimstriche abzeichnen können.

Die Decke wird dann einfach entlang der Kulistriche auf den Ledernutzen gelegt. Umdrehen und anstreichen, dann die Buchstaben mit dem Falzbeim herausarbeiten:

Falzbein
Mittendrin, die Hubbel unter dem Leder sind Leim, den ich nach außen ausstreiche. Mein Falzbein ist aus Teflon, das geht aber auch mit jedem anderen Falzbein.

Ist das zur Zufriedenheit erledigt kann der Schriftzug auf das Stück Filz gelegt werden, dann zwischen die Bretter und dann beschwert werden. Es reicht, wenn alles ein wenig antrocknen kann. Kaffeepause!

Weiter geht es mit der anderen Hälfte der Decke:

zweite-haelfte
Auch hier wieder nicht gestrichen, sondern getupft.

Den Buchrücken samt Packpapier mit anschmieren und den Buchrücken und die Deckelkanten sauber mit dem Falzbein herausarbeiten. Umdrehen und anstreichen.

Das Ergebnis sieht dann so aus:

Decke_2
Oben links der „Fehler“.

Eingezogene Ecken

Lederbände haben sogenannte eingezogene Ecken. Ich hoffe, ich bekomme halbwegs gut erklärt wie das geht, eigentlich muss man das mal vorgemacht bekommen.

Schritt 1: Abschneiden der Ecke mit etwa einer Pappstärke Überstand.

Ecke_1
Ich versuche hier zu zeigen wie man auf die Pappstärke Überstand kommt.

Schritt 2: Anschmieren des Umschlags. Hier ist mehr Leim ganz gut, ich will das Leder beweglich und viel Zeit zum Arbeiten.

Ecke_2
Mehr Leim! Drücken und schieben, einreiben…

Ich falte die Umschläge erst nach oben, wenn ich die Ecke durch drücken und schieben zurecht gefaltet habe. Falten in den Umschlägen werden auf den Längsseiten verteilt, feuchtes Leder ist da sehr willig.

Eine Ecke sieht dann so aus:

Ecke_3
Man sieht, dass das Leder nicht überlappt, sondern Kante an Kante liegt. Die Ecke bildet einen winzigen Faltenknubbel, der mit dem Falzbein so glatt wie möglich gestrichen wird.

Uff. Umschläge und Lederecken gemacht.

Ausgleich und Verzieren des Buchblocks

Ausgleich
Ausgleich aus schwarzem Karton und Lederstreifen im Buchrücken.

Mit Ausgleich meine ich ein Stück schwarzen Karton, dessen Dicke in etwa der des Leders entspricht. Ich klebe den einmal als Gegenzug zum Leder ein, aber auch, um eine möglichst ebene Fläche für das Vorsatzblatt zum Ankleben zu erhalten. Macht man das nicht zeichnen sich die Umschläge unter dem Vorsatzblatt ab. Ich nehme schwarz, weil das Leder schwarz ist und sich so fast gar nicht mehr unter dem hellen Vorsatz abzeichnen wird. Ideal wäre es, würde der Ausgleich an allen Seiten bis ans Leder gehen. Mit einer kleinen Lücke funktioniert es aber genauso gut. Der Ausgleich darf innen an der Buchdeckelkante nicht in den Falz hineinreichen.

Einen schmalen Streifen Leder, 2 cm breit und ca. 15 cm hoch, habe ich aus einem Rest vom Leder ausgeschnitten. Diesen klebe ich innen auf den Buchrücken. Hier gleicht das Leder den Umschlag perfekt aus und der Buchrücken bleibt beweglich.

Damit ist die Decke eigentlich fertig. Ich lege sie auf mein Stück Filz zwischen die Bretter und lasse sie gut durchtrocknen.

Beschweren
Zwei Bretter, Filz, eine Buchdecke und historische Bügeleisen in einer dunklen Ecke.

Während die Decke trocknet verziere ich den Buchblock. Dieser Schritt ist optional, ein Buchblock funktioniert auch ohne Kapitalband und Lesebändchen, aber ich finde, wenn ich schon echtes Leder verwende und alles schick mache, dann kann das Buch auch bis zum Schluss schick sein.

Buchblock_Verziehrung
Buchblock, Kapitalband (breit) und Lesebändchen. Hier sieht man auch, wie man die Länge des Bändchens abmisst, nämlich einmal die Diagonale plus einige cm zum Ankleben und unten anfassen.

Beides wird recht schlicht mit etwas Leim am Buchrück befestigt, zuerst das Lesebändchen am Kopf und darauf das Kapitalband. Etwas Leim auf die Enden des Kapitalbands tupfen, das verhindert ausfransen.

Kapital
So sieht das dann aus.

Jetzt befinde ich mich in einer allgemeinen Trockenphase. Da die Decke eine ganze Weile trocknen muss, am besten über Nacht, geht es im dritten Teil weiter.

Ledergebundenes Notizbuch mit Namen I

Wie angekündigt beginnt hier der Blogeintrag zum Weihnachtsgeschenk. Da das erste Exemplar schon verschenkt ist gibt es Bilder vom fertigen Produkt erst am Schluss oben eingefügt. Also, das tolle Weihnachtsgeschenk war ein in Leder gebundenes Notizbuch mit einem erhabenen, nicht geprägtem, Schriftzug. Es ist ein kleines Format, am Ende 17 x 12,5 cm groß und 2 cm dick.

Was brauche ich alles?

  • Buchbinderleim. Wenn man das Geld für ein kleines Gebinde nicht ausgeben will kann man auch ganz prima Ponal Holzleim nehmen.
  • Pinsel
  • Lineal
  • Skalpell
  • Schere
  • wenn verfügbar eine Pappschere, da Pappe mit der Schere schneiden fast unmöglich ist.
  • ein Falzbein
  • einen kleinen Streifen Pappe, 8 cmm breit.
  • Buchblock. Das ist ein bisschen geschummelt, ein richtiger Buchbinder heftet die Lagen eigentlicht mit Hand, aber mir fehlen leider für das Anfertigen eines Buchblockes die richtigen Werkzeuge. Deshalb gekauft. Einen fertigen Buchblock bekommt man z.B. hier.
  • Pappe, 2 mm dick, am besten Graupappe.
  • dünne Pappe, in meinem Fall Grafikkarton.
  • ein Stück Packpapier.
  • Leder. Lederreste vom Mittelaltermarkt gehen NICHT, die sind zu dick und zu ungleichmäßig. In dem Fall habe ich das Geld in die Hand genommen und hier ein Fell bestellt. Aus diesem Fell kriege ich mindestens vier Notizbücher raus. Wer es vegan mag kann Kunstleder probieren, aber da kann ich nicht garantieren, dass die Buchstaben sich schön herausarbeiten lassen.
  • zwei Bretter, Löschkarton und Folie.
  • etwas zum Beschweren, z.B. ein Lexikon. Ich benutze dazu historische Bügeleisen.
  • ein Stück Filz.
  • Zeitung oder anderes Papier zum unterlegen.
  • zwei Blätter normales Druckerpapier.
  • schwarzen Karton.
  • optional Kapitalband und Leseband.
  • Geduld.

Der Anfang ist leicht. Der Buchblock an sich ist ja schon fertig.

Block
Geschummelter Buchblock aus schönem cremefarbenen Papier, komplett mit Hinterklebung

Als nächstes kommt die Buchdecke. Zuerst muss man wissen, dass Papier und Pappe herstellungsbedingt eine Laufrichtung hat, also sich die Papierfasern parallel zur Maschinenrichtung ausrichten. Kreuzt man diese Laufrichtung miteinander, kann es sein, dass sich der Bucheinband verzieht. Daher muss alles zugeschnittene Material mit der Laufrichtung parallel zum Buchrücken verarbeitet werden. Bei Pappe kann man in der Regel die Laufrichtung sehen.

Für die eigentliche Decke misst man den Buchblock genau aus: 12 x 16,5 cm und 1,9 cm dick. Der Pappstreifen mit 8 mm Dicke ist der Falz, also der Teil, in dem der Buchblock beweglich sein muss. Den muss ich von der Breite des Buchblockes abziehen, dazu addieren muss ich aber die Kante, die der Einband haben soll. Also: 12-0,8+0,3 cm = 11,5 cm. In der Höhe muss ich oben und unten diese Kante addieren, also: 16,5+0,3+0,3 cm = 17,1 cm. Dann brauche ich noch einen Streifen von dem dünnen Grafikkarton für den Buchrücken. Der Buchrücken ist 1,9 cm dick, ich schneide den Streifen aber auf 2 x 17,1 cm, um 1 mm Spielraum in der Dicke für beispielsweise die Buchdeckel zu haben. Aus dem Packpapier mache ich einen 17,1 cm hohen Streifen, der mindestens 2 cm auf die Buchdeckel greift und den Buchrücken und den Falz umfasst. Ich habe ca. 8 cm Breite genommen.

Also schneide ich zu:

  • 2x Pappe 11,5 x 17,1 cm
  • 1x Buchrücken aus dünner Pappe 2 cm x 17,1 cm
  • 1x Packpapier 8 x 17,1 cm

Daraus setze ich die Decke zusammen. Ich habe das Zuschneiden und Zusammenfügen  in der Galerie gemacht und deshalb leider keine Bilder. Ich verweise an der Stelle an diese tolle Anleitung, die die Buchdecke genauso macht wie ich!

Hat man nun alle Teile passend geschnitten, dann kann man das Packpapier dünn aber gleichmäßig mit Leim bestreichen. Nach kurzer Quellzeit (eine halbe Minute reicht hier vollkommen) legt man die Rückeneinlage mittig auf den Packpapierstreifen, wobei man am unteren Ende Kante auf Kante legt. Als nächstes legt man den einen Deckel an der unteren Kante etwa 8 bis 9 mm von der Rückeneinlage entfernt an. Der zweite Deckel wird gegenüber in der selben Weise angesetzt. Dabei soll der Abstand eher etwas größer sein, als zu klein, denn ist der Abstand zu klein, dann läßt sich das Buch später nur schwer öffnen.*

Es ist eine andere Einbandart, aber die Buchdecke ist bei beiden gleich. Ich nutze das Lineal auch, um die Teile der Decke an einer Oberseite anzulegen, damit auch wirklich alles rechtwinklig wird. Zum Absetzen der Deckel benutze ich den 8 mm-Pappstreifen, den ich einfach dazwischenlege. Die Buchdecke muss ein bisschen antrocknen, bevor ich sie anprobieren kann.

Das Ergebnis sieht dann so aus:

Decke
Buchdecke, Außenseite, mit zwei Pappdeckeln und Rückeinanlage, zusammengehalten vom Packpapier.

Bei meiner Decke habe ich die Rückeneinlage scharf mit dem Falzbein nachgearbeitet, deshalb sieht man die Rückeneinlage umso besser. Anprobieren… passt?

Der nächste Schritt sind die Buchstaben für die Buchdecke. Das kommt dann in Teil II!

The American Duchess Guide to 18th Century Dressmaking

Buchrezension:

Lauren Stowell, Abby Cox: The American Duchess Guide to 18th Century Dressmaking. How to Hand Sew Georgian Gowns and Wear Them with Style, Page Street Publishing Co, Salem 2017.

18th-Century-Dressmaking_JA

Eine kurze Rezension zum gerade erschienen Guide von American Duchess. Das Buch, welches ich Mitte November vorbestellt hatte, kam schon am Erscheinungstag an, nämlich letzten Freitag. Es ist kein Hardcover, aber dennoch solide gemacht. Ein Kartonumschlag, bei dem der Buchblock in der Mitte herauspringt und somit den Buchrücken nicht zerknickt beim Lesen. Dadurch schlägt sich das Buch super flach auf, ideal, um es beim nähen neben der Arbeit liegen zu haben.

Gelesen habe ich zunächst die Einleitungsteile zu jedem Kleid. Es werden eine Englische Robe (1740er), eine Robe á la francaise (Sacque) (1760er bis 1770er), eine Robe á la anglaise (Italian gown, der Namensunterschied wird im Buch erklärt) (177oer bis 1790er) und ein Kleid mit hoher Taille, noch kein Regency-Kleid, aber eine „Round Gown“ (1790er) vorgestellt. Jedem Kleid sind großformatige Fotos vorangestellt, danach folgen ein bis zwei Seiten Hintergrundinformationen und Bilder von erhaltenen Kleidern. Dieser Teil interessierte mich am meisten, da ich gern einen Einblick in die Recherchearbeit anderer Leute haben wollte. Es ist auch gleichzeitig der informativste Teil. Amazon bietet einen schönen Einblick in das Buch, bei dem man auch mal ins Inhaltsverzeichnis schauen kann. Die Anleitungen sind sehr ausführlich, manche, wie das befestigen von Bändern, sind für mich schon irrelevant, dennoch kann ich sicher noch etwas lernen. Vor allem das selbsterstellen von Schnittmustern wird für mich wichtig werden. Zu jedem Kleid werden auch die jeweiligen Accesoires vorgestellt – und am Ende jeden Kapitels gibt es eine Anleitung, wie man das Kleid anzieht! Ganz, ganz wichtig! Wie oft habe ich schin fertig angezogen dagestanden und konnte dann die Schuhe nicht mehr selbst binden…. Gestört hat mich nur, dass, wie die Autorinnen selbst bemängeln, eine Anleitung für eine Schnürbrust (stays) komplett fehlt. Und viele der Bilder sind mit zum Beispiel 2a und 2b beschriftet, im Text gibt es aber nur eine Nummer 2.  Das ist auch Jennifer von Historical Sewing aufgefallen. Aber das schafft man mit halber Geistesleistung als Leser trotzdem zu verstehen. Für mich steht noch das ausprobieren der Anleitungen aus, ich werde wohl zuerst die Anglaise oder Italian Gown ausprobieren, da mir dieser Kleidertyp noch im Kleiderschrank fehlt.

Alles in allem ein schönes Buch, das wohl einen Ehrenplatz in meiner kleinen Handbibliothek bekommen wird!

Universitätsmamsellen

Juhu, meine erste Buchrezenzion! Es handelt sich um:

Eckart Klessman: Universitätsmamsellen. Fünf Frauen zwischen Rokoko, Revolution und Romantik, AB – Die Andere Bibliothek GmbH & Co. KG, Berlin 2017.

Universitaetmamsellen

Vorneweg: Ein wunderschön aufgemachtes Buch. Der Einband ist natürlich industriell gefertigt, aber es ist ein solide gemachtes Buch. Der Einband, laut Impressum extra gestaltet, zeigt vier der fünf besprochenen Charaktere. Es gibt ein Lesebändchen und Kapitalbänder, gedruckt wurde auf haptisch angenehmem Papier. Die Vorsatzblätter zeigen zwei verschiedene Ansichten von Göttingen. Alles in allem ein schönes Exemplar!

Wie der Titel schon sagt geht es es um fünf Frauen, allesamt Professorentöchter. Ihre Väter lehren an der 1737 gegründeten Georg-August-Universität in Göttingen. Und so handelt das erste Drittel des Buches dann auch von den Vätern. Hier hätte ich es beinah weggelegt, denn ich habe „Universitätsmamsellen“ nicht gekauft, um Geschichten über Männer zu lesen! Doch dann nimmt das Buch Fahrt auf, und es beginnt mit Philippine Gatterer (1756-1831), verheiratete Engelhard. Philippine hat in ihrer Jugend zwei Gedichtbände veröffentlicht, die Klessmann aber nicht gut bewertet. Während Wikipedia diese Gedichte aus heutiger Sicht als Teil der deutschen Literaturgeschichte nennt, findet Klessmann (*1933, das Buch ist mit der Originalauflage 2008 eher zum Alterswerk zu zählen) Gatterers Gedichte kaum erwähnenswert. Außer von ihrem frühen Ruhm in Göttingen spricht er kaum noch von ihr – sie hat aber auch lange Zeit nach dem zweiten Band nichts mehr veröffentlicht. Caroline Michaelis (1763-1809), verheiratete Böhmer, Schlegel und Schelling, ist die wohl interessanteste Frau im ganzen Buch. Sie ist Schriftstellerin und Klessmann wandert durch ihre bewegtes Leben wie durch einen Garten. Wenn es um Caroline Schelling geht läuft Klessmann zu Hochform auf, es liest sich plötzlich alles leicht. Klessmann zeigt angenehmerweise auch Carolines weniger begeherenswerte Charakterzüge auf, ohne sie, wie anscheinend viele Schriften aus ihrer Lebenszeit, völlig zu kritisieren. Als nächstes stellt Klessmann Therese Heyne (1764-1829), verheiratete Foster und Huber, vor. Diese sehr umtriebige Schriftstellerin gibt zeitweise ihre eigene Zeitschrift heraus, etwas besonderes im 18. Jahrhundert! Meta Wedekind (1765-1853), verheiratete Liebeskind und Forkel, wird als nächstes besprochen. Von Metas Leben bleibt vor allem  ihre Affäre mit Gottfried August Bürger in Erinnerung, über deren Ende Bürger harsche Worte findet. Meta war vor allem als Übersetzerun aktiv, unter anderem hat sie Ann Radcliffes „Udolpho“ übersetzt – das Buch, welches Jane Austen verwendet um ihrer Heldin in „Northanger Abbey“ einen gehörigen Schrecken einzujagen. Dorothea Schlözer (1770-1825), verheiratete Rodde,  bleibt vor allem im Gedächtnis, weil sie 1787 als zweite Frau in deutschprachigen Landen einen Doktortitel verliehen bekam. Das Wunderkind und die hochbegabte Frau scheinen zwei verschiedene Menschen zu sein, denn Werke sind von ihr während ihrer Lebenszeit nie veröffentlich worden. Dorothea hat in Lübeck einen Salon geführt und umfangreich Briefe geschrieben, aber nicht wie die anderen einen Roman, Gedichte oder Übersetzungen. Nachdem Klessmann alle fünf Frauen vorgestellt hat verknüft er ihre Lebensgeschichten miteinander. Teilweise waren die Frauen miteinander befreundet, manchmal zerbrach auch eine Freundschaft, aber alle waren Teil des literarisch-akademischen Lebens ums 1800. Dieser Bilderbogen liest sich dann auch schnell und gut, alle kommen anhand ihrer überlieferten Briefe selbst zu Wort und man merkt Klessmann an, das er Jahre in die Recherche gesteckt hat. Ich lese ja sehr, sehr gerne Biografien von Frauenleben um 1800, und „Universtätsmamsellen“ ist da eine erfrischende Ausnahme, da es exakt recherchiert, gut zu lesen und schön gemacht ist. Gleich fünf Frauen, ihre Lebensumstände und die politische Situation während der napoleonischen Kriege zu betrachten wirkt wie ein Mammutwerk. Klessmann schafft es aber, sein großes Thema leicht zu präsentieren. Alles in allem: sehr zu empfehlen!