Work in Progres: Weiße Robe á la Polonaise

Heute möchte ich mein aktuelles Nähprojekt vorstellen. Ich nenne es das ‚historisch okaye‘ Projekt, denn ich bemühe mich um historische Akuratesse, aber ich weiß auch, dass ich Abstriche machen muss. Letzendlich lebe ich eben – zum Glück – nicht im 18. Jahrhundert.

Es soll eine Robe á la Polonaise werden. Meine Recherche zum Thema ist schon Jahre alt, eine Robe á la Polonaise war eins meiner ersten Nähprojekte. Damals aus Vollpolyester, bin ich mit den Jahren schlauer geworden und verwende heute nur noch Baumwolle, Leinen, Seide oder Wolle für historische Kleidung. Mein letzter Versuch einer Polonaise war ein komplett weißes Kleid, das mit entsprechenden Accessoiries den Look gut wiedergegeben hat. Komplett weiße Kleider, ohne Muster, waren damals aber eher nicht üblich. Bisher habe ich auch ausschließlich mit der Maschine genäht, diesmal ist es anders: ich nähe das komplette Kleid mit der Hand. Das geht schneller als erwartet. Ich habe das restliche Jahr 2019 eingeplant, aber so langsam nähe ich gar nicht mit der Hand.

Hier also meine aktuellen Quellen für meine Recherche:

Willow and Thatch – ein Artikel über Kleider mit indischem Blockprint

Lars Datter – sehr hilfreiche Seite, die real existierende Kleider zusammenstellt, zum Beispiel dieses oder dieses

Entgegen meiner auf Instagram verkündetetn Erkenntnis, das ich bisher kein originales Kleid finden konnte, das ein Zugband am Ausschnitt hat, habe ich dann heute dieses Kleid gefunden, das sehr wohl ein Zugband hat. Aber es scheint keine übliche Technik gewesen zu sein.

Dieses Kleid ist die Optik, die ich anstrebe, aber ohne den Rock aus dem gleichen Stoff, ich habe nämlich nicht genug Stoff für einen Rock.

Weiterhin empfehle ich die Publikationen vom Kyoto Costume Institute und American Duchess18th Century Dessmaking„. Letzterem Buch verdanke ich die ersten nicht verdrehten Ärmel meiner Polonaisen-Karriere, es wird dort sehr gut erklärt, wie genau diese Ärmel eingesetzt werden müssen.

Ich habe es geschafft, drei Meter indischen Blockprints auf einem Leinen-Baumwollgemisch zu erwerben. Da hatte ich einfach Glück, das es einen Stoffverkäufer bei den India Summer Days in Karlsruhe gab. Der Druck ist zu groß, um wirklich historisch korrekt zu sein, aber korrekter wird es mit meinem Budget wohl nicht mehr.

Das Schnittmuster habe ich nicht selbst gemacht, ich verwende weiterhin Period Impressions Robe á la Polonaise und Petticoat (PI420), obwohl ich an selbigem sehr viel geändert habe.

So, nun genug der Vorrede, auf zum eigentlichen Projekt:

Zuschnitt der beiden Ärmelteile.

Schon beim Zuschnitt habe ich einen Fehler gemacht: Ich habe die Ärmel nicht umgedreht und damit zwei linke Ärmel zugeschnitten. Zum Glück hat sich das Blockdruckmuster durchgedrückt, ich habe nämlich absolut keine ausreichend großen Reste für einen weiteren Ärmel übrig. Ich habe versucht, das Muster halbwegs abzustimmen, da mir gleich aufgefallen ist, das es eine gewissen Varianz im Druck gibt. Sprich, einfach von der linken Stoffseite zuschneiden und dann zwei gleich gemusterte Teile zu bekommen war nicht. Aber immerhin weiß ich jetzt, das ich wirklich von Hand gedruckten Stoff erworben habe. Mit dem Ärmel muss ich also nun leben. Ich habe mir die Freiheit erlaubt, mit einer Zickzackschere zuzuschneiden, da ich die Stoffkanten erst ganz am Schluss versäubern werde und hoffe, so extremes ausfransen zu vermeiden. Futter ist im Oberteil ein fester weißer Baumwollköper, in Ärmeln und Rockteil dünne Baumwolle.

Der vorhandene Unterbau.

Unterwäsche ist schon vorhanden, ich nähe nicht ein komplettes Set neu und von Hand. Es ist in der Form ein gutes Set, im Material auch, alles Baumwolle, aber eben mit der Maschine genäht.

Der Fortschritt nach etwa drei Arbeitstagen mit jeweils vier Stunden nähen.

Das Zusammenfügen der Teile ging recht schnell. Ich habe Futter und Oberstoff als ein Teil verarbeitet, diese beiden Teile zuerst grob von Hand zusammen geheftet. Stellt sich raus, das diese Technik eher frühes 19. Jahrhundert ist, aber ich meine, einige Originale mit flachem Futter gesehen zu haben. Leider sind viele Kleider online nicht von innen wieder gegeben. Da bin ich dann wohl wieder im Bereich historisch ok.

An der Rückseite sieht man gut, das dass Ausrichten des Musters nicht ganz geklappt hat. Aber ich bin dennoch sehr zufrieden mit der Optik, denn solche Musterrverrutschungen sind durchaus überliefert.

Besonders bei Kleider der Mittel- und Unterschicht konnte, wohl wie bei mir aus Gründen der Stoffmenge – nicht immer auf passende Muster geachtet werden. (Beispiele hier und hier.) Das ist also in Ordnung bei mir. Insgesamt fängt das Kleid an auszusehen wie es soll, also möglichst nah am Original. Ich habe mir übrigens auch echte Kleider in Karlsruhe im Schloss, in Bath, in Ludwigsburg und in Berlin im Museum angsehen (allerdings alles schon vor einer Weile), sodass ich glaube, diesmal richtiger zu liegen als sonst. Handnähen macht natürlich auch etwas aus, alles ist viel feiner als sonst.

Das Band ersetzte ich noch gegen etwas matteres. Die Seitenfalten kommen daher, das der Rockteil noch nicht angesetzt ist und damit die Nahzugabe noch nicht umgefaltet ist. Mit dem Rock sollte dann alles smooth anliegen.

Die Frontansicht ist schon sehr vielversprechend. Ich schließe das Kleid mit einer Schnürung vorn, da ich nicht genug Ösen hatte, habe ich einfach kleine Öschen mit Stickgarn genäht – funktioniert überraschend gut. Ich werde noch schmale Stahlstäbe hinter die Fadenösen schieben, damit der wobbelige Teil an der Front entfernt wird (das sagt auch das Schnittmuster). Die Schnürung ist auch dazu da, mein doch recht schwankendes Gewicht abzufedern. Das komplett weiße Kleid, das ich oben erwähnt habe, gibt es nicht mehr, da ich es absolut nicht mehr passend bekommen habe (und irgendwas komisches mit dem Stoff nach dem vorsichtigen Waschen passiert ist, es lies sich nicht mehr entknittern und war ganz hart?).

Ich habe das halb fertige Oberteil hier über einen existierenden weißen Baumwollrock gezogen, werde diesen aber eventuell ersetzen, vielleicht gegen einen grünen Rock? Aus Baumwolle oder Seide? Auf jeden Fall sollte ich diesen dann von Hand nähen, das ist der aktuelle weiße nicht, und ich finde, man sieht es.

Momentan ist das Oberteil fertig, und es fehlt nur noch der Rockteil. Das werde ich dann einfach nachreichen, wenn alles fertig ist.

Nachtrag: So sieht das fertige Ergebnis aus:

Frontansicht. Es gibt einen passenden Strohhut, den ich nur etwas umdekorieren muss. Eine Haube werde ich noch machen.
Seitenansicht. Und das beendet das Projekt (zunächst).

Throwback Thursday 2

Wilkommen zum zweiten Throwback Thursday! Wie im ersten Teil ausführlich beschrieben habe ich in meinen frühen bis mittleren zwanzigern Fotoshootings gemacht. Hier kommen mehr der Ergebnisse, jetzt 2011-2013. Wie immer: Ich verlinke, wen ich kann.

Susan hat mir hier Kleidung und diesen wunderschönen Haarschmuck gestellt. Den Kranz hat sie selbst gemacht. Plan war ein Probeshooting für Hochzeiten – weiß mit weiß ist so eine Sache. Ich habe es sehr gern gemacht, und die Ergebnisse, hier eins davon, sind wieder super! April 2011.
Das hier ist wieder so ein Fall, bei dem ich nicht weiß, nach was ich überhaupt suchen muss. Hartmut und seine Frau sind mit einem riesigen Bus vorgefahren damit ich einen Platz zum umziehen habe. Wie haben mehrere Outfits geshootet, das hier ist mein Lieblingsfoto aus der Serie. Das Kleid habe ich selbst gemacht und trage es immer noch gern. April 2011.

Uuund wir sind am Höhepunkt. Für mich. Ich glaube, ich habe den ganzen Spaß gemacht, damit ich einmal für Viona Ielegems Kamera stehen kann. Ziel erreicht? Das Kleid ist von Johanna Macht und dies war das Shooting zu Johannas erster Kollektion nach dem Besuch der Modeschule. Ich habe dieses Seidenkleid so sehr geliebt, das ich es beinah gekauft hätte – war dann aber zu teuer. Verständlicherweise, denn das hier ist schon Haute Couture. Es waren noch drei andere Models dabei, die die anderen drei Kleider vorgeführt haben. Davon kann ich natürlich keine Bilder herzeigen, da ich (natürlich) keine Rechte habe. Wie ich gerade entdeckt habe, kann ich Johanna nicht verlinken, da ich ihre Webseite nicht mehr finde. Das ist schade.

Viona hat auch mein Styling gemacht, Haare und Make-up.

Foto Viona Ielegems, Kleid Johanna Macht.
Foto Viona Ielegems, Kleid Johanna Macht. Mit dem Bild war ich dann, ohne Namensnennung, auch mal in der Gothic Lifestyle 2/2011 abgedruckt.

Peter fotografiert Analog. Das hier sind meine beiden Lieblingsfotos, aber da gab es noch mehr richtig schöne Bilder von mir. Peter hat mir nach dem Shooting auf der Burg noch Essen bei sich daheim gekocht, also prima Rundumbetreuung!

Mich ärgert das jetzt, dass ich die Shootings so schlecht mit Daten versehen habe. Welcher Peter war das? Peter ist in der Modelkartei ein so häufiger Name….
Die Maske machts! Foto von Peter, April 2012.

Im Mai 2012 habe ich mir das schöne das Kleid nochmal von Johanna ausgeliehen. Die Krone dazu hatte ich schon länger, die habe ich selbst gemacht. Ich war bei diesem Shooting – wie bei dem allerersten mit Robin und dem zweiten auf der Burg – nicht allein, meine beste Freundin war dabei, aber da ich nicht weiß, ob sie hier auftauchen möchte, klingt es so, als wäre das allein meine Leistung gewesen. War es aber nicht. Mario Maag ist noch aktiv und hier und hier zu finden. Hier also ein Foto, auf dem ich allein drauf zu sehen bin:

Foto: Mario Maag, Kleid: Johanna Macht, Krone: selbstgemacht.

Thomas Bunge ist ein langjähriger guter Bekannter. Er hat schon sehr, sehr viele meiner liebsten Festivalfotos gemacht. An einem schönen Septembertag haben wir uns endlich in Schwetzingen verabredet, um mein Hochzeitskleid – nach der Trennung dann schon – mal in all seiner Größe aufzunehmen. Die Schleppe sollte danach ab, deshalb sieht das Kleid so gar nicht mehr aus. Thomas hat – wie immer – einen klasse Job gemacht:

Schlossgarten Schwetzingen, Foto von Thomas Bunge. Kleid: selbstgemacht.

Vincent, damals unter dem Namen VH Visions, ist auch jemand, den ich nicht mehr finden kann. Im Oktober 2012 waren wir beide im der Günther-Klotz-Anlage Bilder machen. Vincent hat das Herbstlicht so schön passend zu meinem mittelalterlich angehauchten Outfit dass ich in Teilen selbst gemacht habe, eingefangen:

Foto von Vincent, Oktober 2012.

Im September 2013 sind Susan und ich noch ein letztes Mal losgezogen, diesmal in den Botanischen Garten Karlsruhe. Kleid und Hut stammen von mir, Bildideen von Susan.

Foto von Susan, September 2013.
Foto von Susan, September 2013. Das ist auch so das nackteste, was ich je gemacht habe.

Das ist doch ein guter Abschluss, finde ich. Mich juckt es jetzt ein bisschen, mich wieder vor eine Kamer zu stellen, aber eigentlich habe ich weder die Zeit noch die Einstellung dazu. Das war eine schöne Zeitreise durch das eigene Leben!

Throwback Thursday: Die Zeit in der ich Fotoshootings gemacht habe

*Throwback Thursday: klicke hier für eine Erklärung

Auch ich habe in meinen frühen bis mittleren zwanzigern Fotoshootings gemacht. Gefühlt alle Gothic-Mädchen und -Frauen haben das in der Zeit gemacht. Manche sind dabei geblieben und verdienen heute damit Geld, viele haben das Hobby wieder fallen lassen. Bei mir war vielleicht der Punkt erreicht, an dem ich hätte Geld dafür verlangen können, mich hübsch gekleidet vor eine mehr oder weniger professionelle Kamera zu stellen. Da habe ich dann aufgehört. Ich habe alle Shootings immer auf tfp-Basis, sprich „time for pictures“, also „Zeit für Bilder“ gemacht. Manche der Fotografen kann ich immernoch verlinken, manche sind in den Tiefen des Internets verschwunden. Ich gebe mir Mühe, alle Beteiligten zu verlinken. Wenn jemand jetzt anders heißt oder nicht genannt werden will, bitte melden!

Der niedliche Anfang. Absichtlich kein Foto, bei dem ich direkt in die Kamera schaue, da ich hier noch keinen gescheiten Gesichtsausdruck hinbekommen habe und ständig meine eine Augenbraue hochziehe. Die Farben in dieser Serie finde ich immer noch total umwerfend! Foto von: Comes Noctis Das Kleid habe ich übrigens selbst genäht, mein erstes großes Werk.
September 2010.
Das Shooting habe ich als sehr lustig, aber echt kalt in Erinnerung. Das mit der Augenbraue wurde besser. Foto wieder von Comes Noctis. Das Korsett ist gekauft, den Rest habe ich selbst genäht.
Oktober 2010.

Für mich standen oft die Klamotten im Vordergrund. Ich habe so viel Zeit und Geld in dieses Hobby gesteckt, ich wollte davon auch mal gescheite Fotos. Eine Kleiderpuppe zu kaufen und selbst Fotos zu machen, da bin ich irgendwie nicht drauf gekommen…. Ich hatte oft Spaß bei den Shootings, manchmal waren es aber auch purer Stress. Wie das eine Shooting in Pforzheim, bei dem ich auf dem Rückweg in einen Bahnstreik geraten bin und dann zwei Stunden in Pforzheim festhing. Nachdem ich stundenlang mein Bestes versucht habe vor der Kamera zu geben. Alle Fotografen waren super nett, bis auf einer, der wirklich wollte, dass ich meine Bluse weiter auf mache. Von dem Shooting wird es hier auch keine Bilder geben, so eine Person unterstütze ich nicht. Der Typ ist noch aktiv und macht jetzt geschmacklose Aktfotos.

Trotzdem weiß ich nicht so ganz genau, wieso ich unbedingt vor die Kamera wollte. Ich bin da ein bisschen talentfrei… Und habe über das warum nie so richtig nachgedacht. Im Nachhinein bin ich aber froh, dasss ich jetzt so viele schöne Fotos von mir hab aus einer Zeit, in der ich wirklich gut aussah. Was nicht heißt, das ich jetzt schlecht aussehe, ich bin so fit wie nie zuvor, aber ich sehe das Alter auf den Fotos kommen. Stört mich weniger, als das jetzt klingt, denn ich bin endlich normalgewichtig und habe immernoch diese krass reine Haut. Und ich kann jetzt Dinge heben und Berge hochsteigen, da ich gesünder bin als damals.

Das ist imernoch mein Lieblingsfoto von mir. Das Outfit ist teilweise gekauft, aber an dem Tag hat alles gepasst, Wetter, Kleid, Fotograf, Schlosspark. Nico hat mir in dem Shooting so viel beigebracht. Hier ist seine Sedcard: EnEsTe
Oktober 2010.
Das Foto, auch von Nico, hatte ich sogar an der Wand, wegen der Libelle. Da war dann auch der schiefe Hintergrund egal (über den hat Nico sich auch geärgert), aber es war ein sekundenschneller Schnappschuss.

Ich habe gerade entdeckt, dass ich gar nicht so lang Fotoshootings gemacht habe. Es kommt mir vor wie etwa fünf Jahre, aber es waren tatsächlich nur drei, mit mehreren Shootings im Monat in 2010 und 2011. Insgesamt waren es nur 15 Shootings. Vielleicht kam mir das so viel vor, weil es doch immer ein Aufwand war – Fotograf finden, Klamotten absprechen und zusammenstellen, Ort finden, Termin finden, hinfahren…. Das war für alle Beteiligten nicht ohne.

Susan hat immer das Beste aus mir herausgekitzelt. Heute weiß ich diese angenehm ruhigen Bilder umso mehr zu schätzen. Warum Susan und ich nicht weiterhin befreundet geblieben sind ist mir bis heute ein Rätsel. Susan verlinke ich absichtlich nicht, da ich von ihr nur das private Facebook-Profil habe.
So schön! Den Hut habe ich, wie den Rock, selbst gemacht. Susan hats einfach drauf! März 2011.
Wolfgang ist so ein Fall, bei dem ich keine Spuren im Internet finde. Das war das Shooting in Pforzheim. Hier habe ich es erst gegen Ende hinbekommen, wirklich etwas auszudrücken. Wolfgang hat sich alle Mühe gegeben mit mir. Hier ist alles selbst gemacht, und man sieht: meine Haare wachsen! März 2011.

An der Stelle habe ich beschlossen, zwei throwback thursdays zu machen. Das beste Material kommt noch! Ist eine schöne Zeitreise, ich bekomme fast Lust, mal wieder vor eine Kamera zu treten.

Warum ich auf dem WGT so gern Kostüme trage

Ich gehe seit 17 Jahren auf das Wave-Gotik-Treffen. Ich fühle mich schon lange der Schwarzen Szene zugehörig, denn da passe ich am ehesten hin. Deshalb folgen ab jetzt meine 1000 Wörter zur ewigen Diskussuion über die sogenannte „Kostümfraktion“. Mitgothics werden genau wissen, was ich meine, aber für alle Außenstehenden: Innerhalb der Schwarzen Szene gibt es schon seit Jahren ein Diskussion über verschiedene Kleidungsstile, besonders angefeindet werden dabei die Cyber-Gruftis und die Kostüm-Interessierten. Über erstere kann ich gar nichts sagen, da ich mich mich weder so kleide noch die passende Musik mag. Aber, oh boy, zur Kostümfraktion habe ich eine Menge zu sagen! Das soll kein Verteidungspost werden, sonders es wird ein biografisch basierter Eintrag werden, der zur Diskussion mehr Einsicht und Erkenntnis beitragen soll.

Anfangen möchte ich mit der Musik. Wie oben erwähnt hören Szenemitglieder oft, aber nicht immer, gern passende Musik zu ihrer Kleidung. Grob vereinfacht im Fall vom Beispiel Cybergoth eben elektronische Musik, die sich für mich nach utz-utz-utz anhört, die Kostümfraktion gern Musik, die ich am bestend mit „wallend“ beschreiben kann. Ein kurzes, grob vereinfachtes Beispiel zeigt: Es gibt da einen Zusammenhang zwischen Kleidung und Musik. Es folgt, wie so oft in der Schwarzen Szene, ein ABER: Das trifft nicht immer zu. Es gibt auch Leute, die sich jeden Tag des Festivals einer anderen Richtung entsprechend kleiden. Aus meiner persönlichen Erfahrung heraus ist der typische WGT-Besucher aber entweder/oder, bleibt also seinem Stil über die Festivaltage treu.

Was für ein Festival eigentlich? Das Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT, findet seit 28 Jahren jedes Jahr zu Pfingsten in Leipzig statt und ist einer der großen Szene-Treffpunkte. Die ganze Stadt wird etwas dunkler, da die Veranstaltungsorte über ganz Leipzig verteilt sind. 20000 Besucher jedes Jahr, und die Bevölkerung kommt gut damit zu Recht. Haben sich wohl dran gewöhnt, die Guten. Man findet sich hier und insgesamt als Szene

[…] aufgrund ähnlich lautender Motive zusammen. Die düster-morbide Ästhetik steht dabei nicht alleine im Vordergrund. Vielmehr ist es das Wissen, in der Szene Gleichgesinnte für den Ausdruck der eigenen Gedanken und Gefühle in Bezug auf das Leben an sich und das Dasein in dieser Gesellschaft zu finden, […].

Kisten Wallraff: Die Gothics Teil 2. Weiss wie Schnee, Rot wie Blut und Schwarz wie Ebenholz, Hrsg. vom Archiv der Jugendkulturen, Berlin 2001.

Und das habe ich aus einem Buch, das auch schon 18 Jahre alt ist und welches an der selben Textestelle darauf verweist, das sich daran seit 20 Jahren nicht viel geändert habe. Und dem stimme ich zu. Ich war 2002 das erste Mal mit Eintrittskarte auf dem WGT, und es hat sich nach ankommen angefühlt. „Diese Leute sind so wie ich!“, dachte sich mein 15jähriges Ich.

WGT 2006, noch in gekauften Sachen und mit den typischen Stahlkappenschuhen zum Mittelalter-Inspirierten Kleid

Von Anfang an spielte Kleidung eine große Rolle. Und damit meine ich mich und die Szene. Woher kommen sonst die ganzen Bilder von Gruftis, die schon im Jahr 1995 Reifröcke trugen? Sich selbst über Kleidung auszudrücken ist so typisch Jugendkultur, hier eben in der düsteren Spielrichtung. Ich habe mich zuerst nur für das Mittelalter interessiert, habe alles gelesen, was über das Leben im Mittelalter finden konnte, und Musik ohne Dudelsäcke fand ich ganz blöd. Noch habe ich meine Kleidung von meinen Eltern gekauft bekommen. Mit der Zeit erweiterte sich mein Musikgeschmack, und das Vorbild anderer Festival- und Clubbesucher brachte mein Interesse an aufwändigeren Kostüme voran. Seit einigen Jahren, und auch bedingt durch das Studium der Kunstgeschichte, gilt mein Interesse der historischen Kleidung von Rokoko bis edwardianisch (englisch)/wilhelminisch(deutsch). Gern mit einem düsteren Twist, aber meist in Farbe und Form korrekt (wen auch noch nicht historisch korrekt von Hand genäht).

In meiner Schulzeit, meiner Ausbildungszeit und am Anfang meines Studiums habe ich noch keine Kompromisse gemacht. Da gehöre ich hin, so kleide ich mich 24 Stunden, 7 Tage die Woche. Bodenlange Röcke und Korsetts im Hörsaal? Check. Aber damit fährt es sich schlecht Rad, und potentielle Arbeitgeber finden das auch nicht so klasse, nicht mal im Kulturbetrieb. Also stimmte ich mein Gruftitum im Arbeitsleben von vornherein etwas herunter und bin damit auch noch nie wirklich angeeckt. Meine Lieblingskritik an der Kostümfraktion ist ja immer „Tragen die das auch im Alltag?!? Wen nein, gilt es nicht!“ Wie ich das hasse. Als ob der sonstige Gote immer die Möglichkeite hat, sich die Haare für seinen Job hochzustellen. So sehr kann ich meine Augen gar nicht verdrehen. Ist man nicht selbstständig im Kreativbereich kann man das Argument vergessen. Ich glaube nicht, das ich übertreibe, wenn ich sage, dass die meisten Gothics ihre Arbeitskleidung anpassen müssen. Ich habe derweil kein Problem mehr mit „corporate goth“. Schwarz als Grundfarbe geht immer, und Radfahren kann ich in Hosen auch prima. Daheim kann ich mich dann immer noch in meine Pluderhosen werfen.

WGT 2007, das Interesse an Kostümen steigt. Die Maske habe ich mir aus dem Venedig-Urlaub mitgebracht, genau wie den Schirm.

2007 ist dann etwas passiert: nach einem Urlaub in Venedig, von dem ich mir viele Accessoiries mitgebracht habe (sowas gabs damals nicht einfach so im örtlichen Gothicshop!), bekam ich plötzlich durch meine Kleidung auf dem WGT Aufmerksamkeit. Vor 2007 ging es darum, möglichst viele Konzerte zu besuchen, danach kam das sehen-und-gesehen-werden dazu. Noch ganz harmlos, bisschen Aufmerksamkeit von der Presse ist ja nett.

ARCHIV – Zwei Anhänger der Wave-Gotik-Szene, aufgenommen am 31.05.2009 beim Wave-Gotik-Treffen in Leipzig. Am kommenden Pfingstwochenende wird Leipzig wieder zum Mekka der Gothic-Szene. Rund 20 000 Anhänger der düsteren Musik werden zum 19. Wave-Gotik-Treffen (WGT) erwartet, das das weltgrößte seiner Art sein soll. Foto: Peter Endig dpa/lsn (zu dpa 0104 vom 20.05.2010) +++(c) dpa – Bildfunk+++

2009 dann das dpa-Foto – oben mit dazugehörigem Text. Ich bin ganz froh, das ich und mein Begleiter da maskiert sind, das Bild war ÜBERALL. Ich war angefixt. Da hatten wir beide noch wenig genug Gepäck, um die Reise zum Festival mit der Deutschen Bahn anzutreten, das sollte sich aber schnell ändern.

WGT 2010, mein erstes selbgemachtes Kleid. Hier habe ich herausgefunden, dass ich nähen kann.

Was ich tragen wollte gab es so nicht zu kaufen. Also habe ich mir die Nähmaschine meiner Mutter ausgeliehen und einfach angefangen. Der Stoff stammt aus dem Karstadt, die Dekoration aus dem örtlichen Stoffladen, die Glitzersteinchen hat Mama organisiert. Es gab noch keinen Internetversand für Material speziell für den gotischen Handwerker, geschweige denn Schnittmuster. Das ist eigentlich am Anfang mal typisch für die Szene gewesen: Wollte man etwas, hat man es selbst gemacht. Große Versandhäuser für Gothicmode wie XtraX sprangen zwar auf den Zug auf, aber der Konsens des Selbstmachens blieb – vor allem, wenn man individuell sein wollte.

WGT 2011. Alles außer der antiken Halskette ich selbst gemacht, auch das Korsett. In dem Jahr habe ich 57 Fotos von mir&meinen Freunden vom WGT im Internet gefunden. Dieses Foto ist von Thomas Bunge.

Leider muss ich zugeben, das 2011 für mich die Waage gekippt ist. Jetzt ging es nur noch ums Aussehen. Ich habe jeden Tag ein anderes Kleid getragen, das ich das Jahr über selbst gemacht hatte (wegen der Individualität und so). Mit Nebenjob und Studium ging das auch. Der „Erfolg“ zeigt sich schnell, 57 Fotos in fünf Tagen! So hübsch! So toll! So erfolgreich! Schluss mit der Ironie: mir ging es da nicht immer gut. In dem Outfit oben wäre ich auf dem Mittelaltermarkt beinah ohnmächtig geworden, denn ich musste ja die schlankste Taille haben. So ein Blödsinn.

WGT 2012, das Jahr mit 25 Fotos im Internet, eins davon hat es sogar auf die WGT-Webseite geschafft. Ab jetzt schwenke ich um zur historischen Kleidung, hier eine „Chemise á la reine“, 18. Jahrhundert.

2012 hat sich die Kostümfraktion bei mir richtig herausgebildet. Wir reisen mit einem gemieteten BMW an, der bis an die Oberkante mit Kleidung und Zubehör gefüllt ist. Warum, weiß ich nicht. Spaß hats nicht unbedingt gemacht. Das fertig machen dauerte gefühlt länger als der Festivaltag, und die ganzen schönen Kleider zu beaufsichtigen ist anstregend. Ich treffe mich ausschließlich mit Leuten, die auch gern Kostüme tragen.

WGT 2013, alles selbst gemacht, auch der Kopfschmuck.

2013 ist mir dann wieder eingefallen, warum ich eigentlich zum WGT gehe. Ich trage immernoch jeden Tag ein anderes Kleid, aber die Aufmerksamkeit der Leute mit Fotoapparat ist mir nicht mehr ganz so wichtig. Ich trage, was bequem ist, was ich selbst gemacht habe und herzeigen will. Ich treffe mich mit allerlei Leuten, was so weit geht, das ich mit einer Gruppe Stammkunden aus dem Club auf den Stamm-DJ des Clubs treffe. Warum gehen wir alle nochmal zum WGT? Zum Treffen, genau.

WGT 2014, jetzt trage ich nur noch komplett selbst gemachtes nach historischem Vorbild. An dem WGT war es auch unglaublich heiß.

Es wurde wieder besser mit mir und dem WGT. Ich nähe immmer noch das Jahr über Kleidung nach historischem Vorbild für mich, aber Bachelorarbeit und dann der Master und nun zwei Nebenjobs rücken andere Dinge in meinen Fokus. Ich habe einen Heidenspaß, fast alle Tage weiß zu tragen – die Trendfarbe des 18. Jahrhunderts, nicht unbedingt die Trendfarbe des WGT. Ich muss niemandem mehr etwas beweisen, eine Haltung, die ich seither beibehalten habe. Ich trage, was wettergerecht und schön für mich ist. Endlich habe ich Zeit für das umfangreiche kulturelle Programm des WGT. Ich hatte mir jedes Jahr aufs Neue vorgenommen, mal ein Museum im Rahmen des WGT zu besuchen, und ab jetzt klappt das auch.

WGT 2015, in einem edwardianischen Ensemble.

Mit Kleidung wie dieser macht das WGT 2015 Spaß. In diesem Jahr lasse ich erstmals das „Viktorianische“ Picknick am Freitag weg. Ursprünglich als kleine, private Veranstaltung für Bekannte aus der Kostümfraktion von Viona Ielegems geplant, hat sich dieses über die Jahre zur öffentlichen Massenveranstaltung entwickelt. Man braucht kein Bändchen dafür, was Ein-Tages-Gruftis (also Leute, die sich für den einen Tag mal gruftig anziehen), Gaffer und Fotografen en Masse anzieht. Hier gilt auschließlich sehen und gesehen werden. Was auch mal zum Treffen und Inspiration sammeln gedacht war ist nur noch unangenehm. Ich versuche das Picknick seither zu meiden, aber das klappt nicht immer. Letztes Jahr (2018) stand ich mit gepackten Picknickkorb bereit, als ein privates Picknick abgesagt wurde, und dann war ich doch da. War doof.

WGT 2016, wieder in weiß, eine Art Robe á la anglaise diesmal.

2016 war sowas von kalt. Aber ich hatte meine Outfits entsprechend vorgeplant. Leider weiß ich bei den meisten WGT gar nicht mehr, was für Bands ich gesehen habe. Nach 17 WGT schwimmen die Konzerte langsam ineinander. Höhepunkte waren über die Jahre Schandmaul, ASP (als die noch auf dem WGT gespielt haben), Otto Dix, In the Nursery, Sangre de Muerdago, Irfan, Kaunan, Eivoer und Mila Mar.

WGT 2018. Man sehe und staune: ich trage ein Kleid zum zweiten Mal!

2017 und 2018 war ich mit einer großen Gruppe Leute da, die ich von zu Hause mitgebracht habe. War auch lustig, reicht aber erst mal, denn so eine große Gruppe ist nicht nur spaßig, sondern auch anstrengend.

Mitterweile bin ich deutlich gelassener geworden (okay, das kann auch mit dem Altern zusammen hängen). So faszinierend wie die ersten paar Male wird das WGT leider nie mehr sein, und als alter Hase überrascht einen kaum mehr was. Ich hoffe, dieser kleine Ritt durch das Festivalleben hat ein paar Punkte unterstreichen können: ich habe das Kostümtragen wegen der Aufmerksamkeit schnell wieder verworfen, ich trage Kostüme, weil selbst nähen mein Hobby ist, und ich finde mich schön in solchen Kostümen. Und manche meiner Freunde tragen auch gern Kostüme. Die treffe ich dann da auf dem Wave-Gotik-Treffen. Und dann reden wir über Stoffquellen, Schnittmusterquellen und den allgemeinen Zustand der Welt. Ich kleide mich im Alltag heute komplett anders, finde aber, ich muss auch niemandem mehr etwas beweisen.

Und zum Schluss: Ich gehe so in den Club. Immer. Das gehört für mich dann doch dazu. Wenns schon im Alltag nicht klappt.

Das Problemkleid (Gothic-Reformkleid 1881)

Für das WGT 2019 – oder irgendeine andere dunkelromantische Veranstaltung, die in halbwegs sauberen Räumen abgehalten wird – wollte ich mir ein neues Kleid nähen. Gemäß meines neuen Mottos „Weniger Sachen, dafür bessere Qualität“ habe ich diesmal einen beonders feinen Stoff ausgewählt, der auch halbwegs historisch korrekt ist, nämlich reine Seide. Teuer ist das auch. Das Schnittmuster hatte ich schon, ich habe „Patterns of History Avantgarde Dress 1881“ verwendet. Dieses Schnittmuster ist von einem originialen Kleid, was eine echte Frau in 1881 getragen hat, abgenommen worden, was für mich später noch von Bedeutung sein wird.

Kleines Bild des Schnittmusters. Das ist ganz umfangreich, aber die Anleitung ist nur ein fortlaufender Text ohne Bilder und daher leider ziemlich nutzlos. Generell ist das hier nichts für Anfänger, ich war froh, dass ich immerhin schon mal Blusen auf Futter nach viktorianischer Art konstruiert habe

Ich vergesse jedes Mal, dass ich um einiges größer bin als die historische Frau und hatte dann natürlich zunächst Probleme mit der Länge des Kleides. Zum Glück habe ich ein Probestück aus irgendwelchen Stoffresten gemacht, da konnte ich das Problem wenigstens bemerken. Jedoch habe ich die Probe-Ärmel nur angesteckt und nicht angeheftet. Wie doof, denn die sollten dann noch das zweite große Problem mit dem Kleid werden. Ich habe schon am Probestück alles kleiner im Umfang gemacht und Abnäher größer gemacht, dennoch ist das Kleid mir um die Hüfte einen Tacken zu groß. Obenrum hat es eigentlich gut gepasst, da habe ich dann doch etwas zu viel beim Futter zusammengekürzt und jetzt passt es nur noch gerade so. (Ich sollte mal einen Kurs zum Thema Schnittanpassung machen….)

Work in Progress noch in der alten Wohnung. Soweit, so gut, ein wenig Konstruktionsprobleme mit dem gerafften Frontpanel, sonst lief es da aber noch.

Ich habe mir diesmal von vornherein eine Gothic-Variante fürs WGT gedacht, weswegen ich nicht so extrem viel Wert auf eine historische Arbeitsweise oder Silhouette gelegt habe. Spätestens bei den Ärmel hatte sich das dann auch erledigt: Die geraden Ärmel aus dem Schnittmuster habe ich überhaupt nicht sinnvoll an das Kleid bekommen! Nach zweimal neu zuschneiden und dem Ende des Stoffes in Sicht habe ich getestete und für gut befundene Ärmel aus einem anderen Schnittmuster genommen und siehe da, die passten. Ich habe die später nochmal neu eingesetzt, da ich sie leicht verdreht hatte (der linke Ärmel spinnt immer noch ein bisschen), aber jetzt geht es.

Work in Progress, zweiter Teil. Leider, leider ist mir zu spät aufgefallen, dass die violette Seide nur 1,40m breit liegt und mir am Ausschnitt oben ca. 10 cm fehlen. Da habe ich dann mehr schlecht als recht angesetzt, und musste das Problem irgendwie verdecken. Hier noch mit dem Teststück, einer Halsschleife von einer alten Bluse.

Am Ende war ich mit dem Ausschnitt unglücklich. Nicht nur, dass ich ansetzen musste, ich fand die Form an mir auch ganz arg unvorteilhaft. Die Schleife steht mir sowieso besser, also Glück im Unglück. Zwischendurch habe ich überlegt, ob ich doch Korsett und Pokissen einplanen will, denn die Falten am unteren Rücken wollten auch nicht so wie ich, habe beides dann aber wieder verworfen. Das wurde wohl unter dem historischen Kleid getragen, aber ich wollte ja eben gerade eine leicht tragbare Version des Kleides! Leicht anzuziehen sollte es eben auch sein, es ist vorn zu schließen und ich kann von oben hereinsteigen (kein Haarspray auf meinem teuren Kleid….).

Nächstes Problem: Der Saum. Die Falten vom gerafften violetten Vorderteil wollten sowieso nicht wirklich in einen Saum gehen, obwohl ich die Anleitungsgemäß schön gebügelt habe. Der Saum selbst schleppt hinten ein paar Zentimeter, und mit dem steifen Seidentaft gab das irgendwie eine Art Zelt, das fast von allein steht. Ich wollte ja eigentlich keine Rüschen, deshalb habe ich versucht, den Saum mit Bleiband dazu zu bringen, das zu tun, was ich will, was zuerst auch geklappt hat – zuerst, denn leider, leider, war das Kleid jetzt zu kurz.

In diesem Zustand ist es dann mit umgezogen. Schon anziehbar, die Spitze immerhin mit der Maschine angetackert, aber insgesamt nicht zufrieden stellend. Die Ärmel waren Aufgrund der Drehung auch ein wenig zu kurz, weshalb sie kleine Rüschen aus Resten der violetten Seide bekommen haben. Wirklich letzte Reste, an dem Punkt hatte ich keinerlei Stoffreste mehr.

,Die finale Version, nach dem Umzug. Mit Rüschen und allem drum und dran.

In der neuen Wohnung habe ich das Kleid nochmal fast komplett neu gemacht. Ärmel raus, Saum auf und nochmal abrunden, Ärmel drehen, die Faltenpartie vorn falten und mit der Hand festnähen, Spitze von Hand schön festnähen. Der Saum war jetzt definitv zu kurz. Ich habe am Ende nochmal richtig Geld in einige Meter Seide investiert – der Laden hatte seit September zum Glück nicht alles der violetten Seide verkauft – und eine 12 cm breite Rüsche gemacht. Und wieder Glück im Unglück: Die Rüsche macht das Kleid irgendwie besser! Noch die Falten am unteren Rücken von Hand bändigen und die Schleife, die ich aus dem passenden Stoff gemacht habe, ausrichten, und jetzt ist es anziehbar. Was für en Drama. Es gibt nur ein anderes Kleid, an dem ich so viel geändert habe, und das ist tatsächlich das Regency-Kleid, welches ich unter dem schon vorgestellen Überkleid trage. Das hat aus dem gleichen Grund eine Saumrüsche.

Detail des oberen Bereiches. Sieht insgesamt viel besser aus

Was noch fehlt ist ein wenig Arbeit innen. Durch das viele Ändern habe ich sehr viele offene, unversäuberte Nähte, und obwohl das Futter – das Kleid ist nur im Oberteilbereich gefüttert – aus festem Baumwollstoff ist, muss ich da noch die eine oder andere fusselnde Naht versäubern. Versäubert habe ich mit der Overlock, aber gerade im Schleppenbereich muss da auch nochmal Schrägband um die Nähte, denn gerade diese super sauberen Overlocknähte neigen dazu, den halben Parkweg samt aller Blätter und kleiner Stöckchen einzusammeln und gut fest zu halten.


Die Rückansicht ist jetzt phänomenal. Und ja, da stehen immernoch Umzugskartons in der Wohnung.

Fazit: Seide nehme ich für sowas nicht nochmal, das ist zum einen viel zu teuer, zum anderen fiel mir im Laufe der Arbeit auf, dass ich dafür eine Menge Seidenraupen habe umbringen lassen. Ob das Kleid überhaupt in die Reinigung kann ist noch offen. Ich muss auf jeden Fall eine Chemise drunter tragen, um es halbwegs zu schützen.

Das Schnittmuster ist auch nicht der Bringer. Die originale Trägerin muss klein und um die Hüften sehr umfangreich gewesen sein, aber viel Busen hatte sie nicht. Wenn man, so wie ich, nicht so gut im Schnittmuster anpassen ist, ist das ein echtes Problem. Die Anleitung ist auch ziemlich nutzlos. Da haben sich mal eine Grupper Forscher*innen so viel Mühe gegeben, das ist ein wenig schade, das es am Ende so unpraktisch zu benutzen ist, das Schnittmuster. Aber: Ich habe jetzt ein schönes Kleid! Das wird vermutlich auch mein einziges neues Kleid fürs WGT sein, weswegen ich es stolz tragen werde!

Jacke aus den 1770er Jahren II

In den 1770ern muss es auch schon Haken und Augen gegeben haben. Ich habe mich ja so unwohl in der Jacke gefühlt, in die ich so viel Arbeit gesteckt hatte. Jetzt endlich habe ich mal Augen unter den Knöpfen angebracht und siehe da: plötzlich ist alles ganz anders!

neu_vorn
Die Jacke an der Schneiderpuppe. Die Puppe trägt kein Korsett.

Die Jacke steht am Ausschnitt etwas ab, was mir jetzt an der Puppe erst auffiel, da sie ja mit einem Fichu, einem Einstecktuch, getragen wird. Mit dem Fichu sieht es perfekt aus….

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Ich liebe es, an der Puppe Details zu fotografieren! Hier sieht man oben das erste Auge etwas hervorspitzen.

Damit wäre das Projekt endgültig abgeschlossen. Eine tragbare, bequeme Variante der Jacke ist entstanden und wird wohl zum WGT das ganze schwarz aufmischen.

 

Pet en l’air – jetzt mit Schneiderbüste

Guten Morgen!

Mein letzter Post war dann tatsächlich der Schubs, den ich gebraucht habe, mir eine Schneiderbüste zu kaufen. Ich habe mir eine einfache Styropor-Puppe vom bekannten Internet-Versandhaus ausgesucht:

Vorn
Das Kleid vom letzten Blogbeitrag in präsentabler Form, mit Poschen darunter, aber ohne Korsett – die Puppe hat (noch) nicht ganz meine Maße.

Ich werde sie mit etwas Schaumstoff unter dem sehr festen, elastischen Bezug noch auf meine Maße hochpolstern. Der Unterschied ist gar nicht so groß!

Das Kleid selbst hat ein paar Nähfehler, die an der Puppe ganz gut zu sehen sind. Ich lebe damit, als „historisches“ Projekt aus meiner mittleren Nähphase.

Hinten
Die Falten hinten fallen jedoch ganz ordentlich.

Ich kann sogar Details fotografieren!

Links eine Ansicht von hinten. Ich hatte derweil wohl eine halbe Recherche durchgeführt, denn die Schulterteile sind historisch korrekt aufgesetzt und nicht einfach rechts-auf-rechts angenäht. Schade, dass ich noch nichts von Robings wusste, der Falte, unter der die Nadeln für den Stecker versteckt werden. Deshalb ist auf dem rechten Bild im Schulterbereich so ein Gefalte zu sehen. Aber im Detail ist das Kleid sehr hübsch! Die Rüschen sind mir gut gelungen. Die Halskette stammt von einem Flohmarkt in London.

Ich habe mit der Schneiderbüste auch gleich einen Hut bestellt, von der vertrauenswürdigen Nashimiron:

Hut
Ich glaube, 1/3 meiner Hüte stammen von ihr.

Damit ist ein weiteres Projekt abgeschlossen und ich habe was zum Anziehen für den nächsten größeren Anlass!