Reformkleid 1881

Für das WGT 2019 – oder irgendeine andere dunkelromantische Veranstaltung, die in halbwegs sauberen Räumen abgehalten wird – wollte ich mir ein neues Kleid nähen. Gemäß meines neuen Mottos „Weniger Sachen, dafür bessere Qualität“ habe ich diesmal einen beonders feinen Stoff ausgewählt, der auch halbwegs historisch korrekt ist, nämlich reine Seide. Teuer ist das auch. Das Schnittmuster hatte ich schon, ich habe „Patterns of History Avantgarde Dress 1881“ verwendet. Dieses Schnittmuster ist von einem originialen Kleid, was eine echte Frau in 1881 getragen hat, abgenommen worden, was für mich später noch von Bedeutung sein wird.

Kleines Bild des Schnittmusters. Das ist ganz umfangreich, aber die Anleitung ist nur ein fortlaufender Text ohne Bilder und daher leider ziemlich nutzlos. Generell ist das hier nichts für Anfänger, ich war froh, dass ich immerhin schon mal Blusen auf Futter nach viktorianischer Art konstruiert habe

Ich vergesse jedes Mal, dass ich um einiges größer bin als die historische Frau und hatte dann natürlich zunächst Probleme mit der Länge des Kleides. Zum Glück habe ich ein Probestück aus irgendwelchen Stoffresten gemacht, da konnte ich das Problem wenigstens bemerken. Jedoch habe ich die Probe-Ärmel nur angesteckt und nicht angeheftet. Wie doof, denn die sollten dann noch das zweite große Problem mit dem Kleid werden. Ich habe schon am Probestück alles kleiner im Umfang gemacht und Abnäher größer gemacht, dennoch ist das Kleid mir um die Hüfte einen Tacken zu groß. Obenrum hat es eigentlich gut gepasst, da habe ich dann doch etwas zu viel beim Futter zusammengekürzt und jetzt passt es nur noch gerade so. (Ich sollte mal einen Kurs zum Thema Schnittanpassung machen….)

Work in Progress noch in der alten Wohnung. Soweit, so gut, ein wenig Konstruktionsprobleme mit dem gerafften Frontpanel, sonst lief es da aber noch.

Ich habe mir diesmal von vornherein eine Gothic-Variante fürs WGT gedacht, weswegen ich nicht so extrem viel Wert auf eine historische Arbeitsweise oder Silhouette gelegt habe. Spätestens bei den Ärmel hatte sich das dann auch erledigt: Die geraden Ärmel aus dem Schnittmuster habe ich überhaupt nicht sinnvoll an das Kleid bekommen! Nach zweimal neu zuschneiden und dem Ende des Stoffes in Sicht habe ich getestete und für gut befundene Ärmel aus einem anderen Schnittmuster genommen und siehe da, die passten. Ich habe die später nochmal neu eingesetzt, da ich sie leicht verdreht hatte (der linke Ärmel spinnt immer noch ein bisschen), aber jetzt geht es.

Work in Progress, zweiter Teil. Leider, leider ist mir zu spät aufgefallen, dass die violette Seide nur 1,40m breit liegt und mir am Ausschnitt oben ca. 10 cm fehlen. Da habe ich dann mehr schlecht als recht angesetzt, und musste das Problem irgendwie verdecken. Hier noch mit dem Teststück, einer Halsschleife von einer alten Bluse.

Am Ende war ich mit dem Ausschnitt unglücklich. Nicht nur, dass ich ansetzen musste, ich fand die Form an mir auch ganz arg unvorteilhaft. Die Schleife steht mir sowieso besser, also Glück im Unglück. Zwischendurch habe ich überlegt, ob ich doch Korsett und Pokissen einplanen will, denn die Falten am unteren Rücken wollten auch nicht so wie ich, habe beides dann aber wieder verworfen. Das wurde wohl unter dem historischen Kleid getragen, aber ich wollte ja eben gerade eine leicht tragbare Version des Kleides! Leicht anzuziehen sollte es eben auch sein, es ist vorn zu schließen und ich kann von oben hereinsteigen (kein Haarspray auf meinem teuren Kleid….).

Nächstes Problem: Der Saum. Die Falten vom gerafften violetten Vorderteil wollten sowieso nicht wirklich in einen Saum gehen, obwohl ich die Anleitungsgemäß schön gebügelt habe. Der Saum selbst schleppt hinten ein paar Zentimeter, und mit dem steifen Seidentaft gab das irgendwie eine Art Zelt, das fast von allein steht. Ich wollte ja eigentlich keine Rüschen, deshalb habe ich versucht, den Saum mit Bleiband dazu zu bringen, das zu tun, was ich will, was zuerst auch geklappt hat – zuerst, denn leider, leider, war das Kleid jetzt zu kurz.

In diesem Zustand ist es dann mit umgezogen. Schon anziehbar, die Spitze immerhin mit der Maschine angetackert, aber insgesamt nicht zufrieden stellend. Die Ärmel waren Aufgrund der Drehung auch ein wenig zu kurz, weshalb sie kleine Rüschen aus Resten der violetten Seide bekommen haben. Wirklich letzte Reste, an dem Punkt hatte ich keinerlei Stoffreste mehr.

,Die finale Version, nach dem Umzug. Mit Rüschen und allem drum und dran.

In der neuen Wohnung habe ich das Kleid nochmal fast komplett neu gemacht. Ärmel raus, Saum auf und nochmal abrunden, Ärmel drehen, die Faltenpartie vorn falten und mit der Hand festnähen, Spitze von Hand schön festnähen. Der Saum war jetzt definitv zu kurz. Ich habe am Ende nochmal richtig Geld in einige Meter Seide investiert – der Laden hatte seit September zum Glück nicht alles der violetten Seide verkauft – und eine 12 cm breite Rüsche gemacht. Und wieder Glück im Unglück: Die Rüsche macht das Kleid irgendwie besser! Noch die Falten am unteren Rücken von Hand bändigen und die Schleife, die ich aus dem passenden Stoff gemacht habe, ausrichten, und jetzt ist es anziehbar. Was für en Drama. Es gibt nur ein anderes Kleid, an dem ich so viel geändert habe, und das ist tatsächlich das Regency-Kleid, welches ich unter dem schon vorgestellen Überkleid trage. Das hat aus dem gleichen Grund eine Saumrüsche.

Detail des oberen Bereiches. Sieht insgesamt viel besser aus

Was noch fehlt ist ein wenig Arbeit innen. Durch das viele Ändern habe ich sehr viele offene, unversäuberte Nähte, und obwohl das Futter – das Kleid ist nur im Oberteilbereich gefüttert – aus festem Baumwollstoff ist, muss ich da noch die eine oder andere fusselnde Naht versäubern. Versäubert habe ich mit der Overlock, aber gerade im Schleppenbereich muss da auch nochmal Schrägband um die Nähte, denn gerade diese super sauberen Overlocknähte neigen dazu, den halben Parkweg samt aller Blätter und kleiner Stöckchen einzusammeln und gut fest zu halten.


Die Rückansicht ist jetzt phänomenal. Und ja, da stehen immernoch Umzugskartons in der Wohnung.

Fazit: Seide nehme ich für sowas nicht nochmal, das ist zum einen viel zu teuer, zum anderen fiel mir im Laufe der Arbeit auf, dass ich dafür eine Menge Seidenraupen habe umbringen lassen. Ob das Kleid überhaupt in die Reinigung kann ist noch offen. Ich muss auf jeden Fall eine Chemise drunter tragen, um es halbwegs zu schützen.

Das Schnittmuster ist auch nicht der Bringer. Die originale Trägerin muss klein und um die Hüften sehr umfangreich gewesen sein, aber viel Busen hatte sie nicht. Wenn man, so wie ich, nicht so gut im Schnittmuster anpassen ist, ist das ein echtes Problem. Die Anleitung ist auch ziemlich nutzlos. Da haben sich mal eine Grupper Forscher*innen so viel Mühe gegeben, das ist ein wenig schade, das es am Ende so unpraktisch zu benutzen ist, das Schnittmuster. Aber: Ich habe jetzt ein schönes Kleid! Das wird vermutlich auch mein einziges neues Kleid fürs WGT sein, weswegen ich es stolz tragen werde!